Zu viel #wanderlust

Manchmal tragen wir unsere Jack Wolfskin Outdoorjacken auch in die Stadt. Es nieselt ja schließlich.

Wie wir mit unserer #wanderlust die Alpen kaputt machen

Wir schreiben das Jahr 2003. Die ganze Familie fährt in den Ferien ins Urlaubsparadies Montafon in Vorarlberg. Die Begeisterung der Kinder hält sich in Grenzen. Echt jetzt? Wanderurlaub?

Das Beweisfoto. Sehe ich nicht unheimlich begeistert aus?
Das Beweisfoto. Sehe ich nicht unheimlich begeistert aus?

Damals war es unerklärlich für mich, wie man freiwillig in den Ferien zum Wandern gehen kann. Das ist nämlich erstens viel zu anstrengend und zweitens gibt es in den Bergen ja gar kein Meer. Zu dieser Zeit war Wandern etwas für alte Menschen. Also alle über fünfzig, die mit grauen Funktionshosen, braunen Wanderstiefeln und karierten Hemden durch Heidelbeersträucher stapfen.

Heute scheint das anders zu sein. Globetrotter, Basislager, Jack Wolfskin und Co. machen Rekordumsätze, die Wandervereine dieser Nation freuen sich über neue Mitglieder und 120 Millionen Menschen machen jedes Jahr Urlaub in den Alpen. Unsere #wanderlust und #bergliebe ist größer als je zuvor. Plötzlich ist Wandern, Mountainbiken und Kaiserschmarrn essen wieder Trendsport Nummer eins. Die Outdoor-Industrie macht im letzten Jahr 7,5 Milliarden Euro Umsatz, das Fünffache als noch vor 20 Jahren.


Kein Entkommen vor den Trendwanderern

Auch in den sozialen Netzwerken kommt man an dieser Entwicklung nicht vorbei. Schaut doch mal in euren Instagram Feed. Ich wette dort findet ihr erstaunlich viele Bilder von Bäumen, Seen, Wäldern und Bergen. Und natürlich von Essen, aber darum geht es heute nicht.

#gipfelkreuz #gipfelsieg #gipfelstürmer
#gipfelkreuz #gipfelsieg #gipfelstürmer

Von den Bildern in meinem Feed habe ich mir mal ein paar genauer angeschaut. Und von der Sorte gibt es echt viele.

#wanderlust 24.779.562 Beiträge
#mountainlove 147.773 Beiträge
#hiking 15.673.145 Beiträge
#alpen 312.357 Beiträge
#gipfelkreuz 14.478 Beiträge
#gipfelstürmer 17.084 Beiträge
und das gute alte #wandern 422.260 Beiträge

Lange Zeit war Wandern out. Und plötzlich ist es unser liebstes Motiv bei Instagram. Wir fahren total auf die Berge ab, so wie auf Pulled Pork Burger oder auf einen Lebensvorrat Mate.


Die Generation was auch immer

Mit „Wir“ meine ich die Generation Selbstoptimierung, Generation Beziehungsunfähig, Generation Y oder was auch immer. Der Soziologe Klaus Hurrelmann formuliert es so:

„Das ist eindeutig eine Gegenbewegung gegen immer mehr Internet, immer mehr Verfügbarkeit der ganzen Welt in virtueller Form, Reisemöglichkeiten, Globalisierung und Technisierung“

In uns steckt eine tiefe Sehnsucht nach Auszeit und Freiheit. Auch in meinem Freundeskreis werden Angelscheine gemacht und Mitgliedsanträge für Wandervereine unterschrieben. Wir wollen raus und suchen Ruhe und Beständigkeit. Die Natur ist der perfekte Gegenpol zu unseren schnellen Lebensentwürfen. Wo geht das besser als beim Wandern in den Bergen? Wenn man nicht alle fünf Minuten aufs Smartphone schauen muss, weil man ja eh kein Netz hat. Wir wollen wieder echte Luft einatmen, nass werden und barfuß laufen. Ein klitzekleiner innerer Protest eben.

Und für alle diejenigen unter uns, die als Kind schon von den Bergen überzeugt wurden, ist es die Rückbesinnung auf eine Zeit, in der vieles einfacher und vielleicht auch sicherer war.


Ein klein wenig mehr

Blöd nur, dass wir mit diesem Run in die Natur, dem ganzen Klettern, Mountainbiken und Wandern die Landschaft verändern und kaputt machen. Es muss jede Woche etwas Außergewöhnliches sein, ein höherer Gipfel, eine schönere Aussicht. In Instagram postet ständig jemand irgendwelche Bergfotos. Ein guter Tag in der Natur ist, wenn ein gutes Foto dabei rauskommt. Wenn wir es nicht fotografieren und teilen, dann ist es schließlich nie passiert.

120 Millionen Besucher im letzten Jahr in den Alpen, rund 90 Prozent kommen mit dem Auto. Die Berge sollen Berge bleiben und dennoch werden sie noch bei Instagram promotet. Vielleicht sollten wir alle ein wenig nachhaltiger und seltener in die Berge fahren und alles einfach ein klein bisschen mehr genießen. Einfach so.

Und zur Belohnung, weil ihr noch da seid:

Danke. Tschüß.

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