Wie verändert sich die Arbeit von Redakteuren durch Leserkommentare?

Der Journalismus ist im Wandel - das ist keine Neuigkeit. Auf vielen verschiedenen Ebenen verändert sich die Arbeit in Redaktionen und damit das Berufsbild des Journalisten. Besondere Herausforderungen sind dabei die direkten Reaktionen von Lesern in Kommentarfelder unter Artikel oder in den Sozialen Netzwerken. Die Frage, die sich stellt: Wie können Redakteure mit der Online-Community umgehen?

„Des hoats ja no nie bei uns geb’n“, poltert es gerne aus der Ecke eines Stammtischs in meiner bayerischen Heimat. Daraufhin folgen häufig für Nicht-Einheimische unverständliche und schon gar nicht transkribierbare Ausdrücke, die wohl eher negativ zu werten sind. Wenn es nicht gerade neuen Dorfklatsch zu beschimpfen gibt, dann liefern Nachrichten das Material zum Aufregen. So entsteht eine hitzige Debatte unter Freunden oder Bekannten. Am nächsten Morgen sind die Streitigkeiten wieder vergessen.

Früher war das häufig die einzige Art des Lesers sich an Zeitungsbeiträgen zu beteiligen. Nur im äußersten Ausnahmefall griff man zu Stift und Papier, schrieb seine Gedanken auf, ging zur Post, zahlte dafür Porto und bekam kaum eine Reaktion auf seine Anstrengungen.

Das digitale Zeitalter hat den geschlossenen Stammtisch in öffentliche, virtuelle Räume verlagert

Lesermeinungen haben ihren Weg ins Internet gefunden. Der dortige virtuelle Kommunikationsraum hat nichts mehr mit dem physisch konkreten Raum des Stammtischabends zu tun. Nichts ist hier privat und findet nur unter Freunden statt. Nichts wird hier vergessen. Der Aufwand ist minimal und die Reaktionen kommen schnell. Und – um damit zum Thema zu kommen – die Reaktionen treffen direkt auf uns Journalisten.

Unendliche Geschichten

Die Kernaufgaben im Journalismus sahen bisher wie folgt aus:

  • Thema einordnen
  • Wichtigkeit der Informationen abschätzen
  • Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen
  • Interpretation der Informationen

Hatte der Journalist das alles zu Papier gebracht, konnte er sich wieder seinem Kaffee und dem nächsten Thema widmen.

Doch online funktioniert anders. Sobald ein Text veröffentlicht wurde, vielleicht sogar in den Sozialen Medien geteilt, folgen auch schon Userkommentare. Die Leser stimmen zu, haben eine andere Meinung, vermissen eine Perspektive und schreiben den Text mit ihrer Debatte fort. Jede Geschichte hat damit potentiell die Möglichkeit unendlich zu sein. Und der Journalist hat noch eine Aufgabe: In den Dialog mit seinen Lesern treten.

Der neue taffe Kollege

Der Community Manager behält auf allen Kanälen den Überblick.
Nie hatten Redakteure intensiveren Publikumskontakt als heute. Viele gelernte Printler wissen nicht wie sie mit den Kommentaren der Leser umgehen sollen. Wer es sich leisten kann und große Reichweite besitzt, gönnt sich daher den Luxus jemanden nur für diese Aufgabe einzustellen.

Der sogenannte Community-Manager wird allerdings gerne von den Kollegen belächelt, weil er „nicht wirklich schreibt“. Dabei sind gerade die Community-Manager besonders taff und müssen sehr schnell auf viele verschiedene Themen angemessen reagieren. Sie dürfen sich kaum einen Fehler erlauben, denn der User verzeiht nichts und Redaktionsschluss hat für sie keine Bedeutung. Um diese Herausforderungen zu meistern braucht es eine gesunde Portion Humor, Schlagfertigkeit und Selbstbewusstsein.

Bild: Facebook Kommentar Die Welt
Unabdingbar für den Community-Manager: Humor und das Wissen darüber, wo Humor angebracht ist!
Unter all dem Lob, das sich (hoffentlich) unter einem Artikel befindet, bleibt häufig nur die Kritik im Kopf zurück. Während 90 Prozent zivilisiert diskutieren, gibt es immer auch 10 Prozent Hatespeech. Im schlimmsten Fall entsteht durch Hasskommentare der Nasty-Effect: Eine schlechte Aussage vergiftet die ganze Debatte und hält Leute mit besseren Kommentaren davon ab, sich überhaupt erst einzumischen. Und hier muss der Community-Manger verantwortungsvolle Entscheidungen treffen: Wie weit darf Moderation gehen? Ab wann dürfen Kommentare gelöscht werden? Bis wann ist es ein Eingriff in die Meinungsfreiheit? Unabdingbar ist in jedem Fall eine Netiquette, die den User über den Umgang mit Kommentaren sowie Regeln für die Diskussion informiert.

Wenn der Community Manager gute Arbeit leistet, dann kann er einen Artikel zum Fliegen bringen und die Kollegen stecken ihr abwertendes Lächeln wieder ein, während sie artig „Danke“ sagen.

Neue Chancen in den Neuen Medien

Nicht immer kann es einen Community Manager geben und grundsätzlich ist es ratsam den Dialog nicht abzugeben. Schließlich weiß der Verfasser des Textes am besten über sein Thema Bescheid und kann am besten Rede und Antwort stehen. Doch viele Journalisten fremdeln noch im Umgang mit Sozialen Medien und dem Hervortreten als Persönlichkeit.

Dabei bietet der stetige Kontakt zur Community viele Vorteile, von denen besonders Freiberufler profitieren. Während regelmäßig Hiobsbotschaften über insolvente Zeitungen die Medienwelt erschüttern, schaffen sich einzelne Journalisten ein unabhängiges Standbein. Wer für eine Meinung steht und sich damit in den Sozialen Netzwerken etabliert hat, der wird gelesen egal für wen er schreibt – was ihn attraktiv für potentielle Auftraggeber macht. Positive Beispiele sind Journalisten wie Richard Gutjahr, Karsten Lohmeyer, Sascha Lobo oder Stefan Niggemeier.

Mehr und mehr Journalisten wagen nun den Schritt in die Sozialen Medien. Der Deutschland-Report der „Social-Journalism-Studie“ von Cision zeigt, umso intensiver die Auseinandersetzung mit Sozialen Medien ist, umso positiver ist auch die Meinung. Viele glauben sogar dadurch produktiver zu arbeiten. Denn User können nicht nur einen bereits fertigen Artikel durch ihre Kommentare aktuell halten. Sie können auch während der Recherche zu nützlichen Ansprechpartnern werden oder den Kontakt zu diesen aufbauen.

Die Kurzdoku „Fünf Journalisten/innen über ihre Arbeit im Internet“ von Jonathan Schnitt und Mario Chavarria zeigt, was es für Journalisten bedeutet eine eigene Personenmarke aufzubauen und mit den Lesern Kontakt zu halten.

Die Gretchenfrage

Medienhäuser gehen unterschiedlich an die Herausforderungen von Nutzerkommentare heran. süddeutche.de beschränkt beispielsweise die Kommentarfunktion auf ausgewählte Artikel. Dadurch wird die Diskussion oft in Soziale Netzwerke wie Facebook verlagert. Kritisch betrachtet könnte man fragen: Geben Redakteure damit Verantwortung ab? Schließlich werden dort Datenschutz und Verhaltensregeln von ausländischen Unternehmen bestimmt.

Die New York Times hingegen baut ihre Moderatoren-Kapazitäten aus und unterstützt damit Leserkommentare auf ihrer Seite. Dadurch entstehen klare Vorteile: Die Leserbindung wird verstärkt und die Verweildauer der Nutzer erhöht. Besonders für Anzeigenkunden ist das eine ebendso wichtige Währung wie die Klickzahl. Gleichzeitig gibt es bei der New York Times einen Room of Debate, wo externe Autoren ganz bewusst Leserdebatten anstoßen.

In Deutschland gilt ZeitOnline als Vorbild. Die Community-Redakteure sichten dort alle Leser-Beiträge, kommentieren sie und löschen rassistische, persönlich beleidigende oder unsacheliche Inhalte.

Fazit

Wie sieht nun die Zukunft aus? Haben Journalisten zu Recht Angst davor vom Autor zum Moderator degradiert zu werden? Sicher ist, dass sich das Berufsbild des Journalisten ausdifferenzieren wird. Einen Community-Manager muss es in jeder Online-Redaktion geben. Die Frage wird sein, woher die redaktionellen Ressourcen für diesen Job nehmen? Und wie mit der Community umgehen?

Das Kommentarfeld unter Artikel: ein Experimentierfeld!

Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass die Geschichte der Leserkommentare gerade einmal eine historisch kurze Geschichte von 17 Jahren ist, dann wird klar, wo wir heute stehen: In einem Experimentierfeld, in dem es die eine Lösung noch nicht gibt. Und die es in Anbetracht des schnelllebigen Internets vielleicht nie geben wird. Für uns Journalisten heißt das: Viel Platz zum Ausprobieren.

Mehr über Community-Management in Facebook-Gruppe erzählt euch Mira.

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