Wie euch Usability-Testing dabei hilft bessere Produkte zu schaffen

Begriffe wie Usability, User Experience und User-Centered-Design sind in aller Munde, ständig wird darüber gesprochen – oder man hat zumindest schon Mal davon gehört oder gelesen. Was es damit auf sich hat und warum sie eine so große Rolle beim Konzipieren digitaler Medien haben verrate ich Dir in diesem Artikel.

Usabilty und User Experience – was ist das eigentlich und wo liegt der Unterschied?

Laut der DIN Norm EN ISO 9241 , ein internationaler Standard, der die Richtlinien der Mensch-Computer-Interaktion beschreibt, ist Usability definiert als das „Ausmaß, in dem ein interaktives System durch bestimmte Benutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um festgelegte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen.“

Ein Beipiel: Tina möchte ihrer Mutter Blumen zum Muttertag besorgen. Ihr Lieblings-Blumenladen hat seit neuestem eine Website mit Online-Bestellmöglichkeit. Tina möchte also in diesem Online-Shop (interaktives System) einen Blumenstrauß aussuchen und bestellen (festgelegtes Ziel).
Sie konnte auf der Website einen Strauß aussuchen und bestellen (sie war effektiv), musste jedoch länger nach bestimmten Funktionen suchen und hatte Schwierigkeiten mit der Bedienung der Website, außerdem war der Bestellprozess sehr kompliziert (sie war somit weniger effizient). Während der Nutzung war Tina teilweise frustriert und genervt, da es nicht auf Anhieb geklappt hat (weniger zufriedenstellend).

Usability – oder deutsch Gebrauchstauglichkeit – bezieht sich also auf die Erfahrung während der Nutzung eines Systems.
Im Unterschied dazu „umfasst User Experience sämtliche Wahrnehmungen und Reaktionen, Verhaltensweisen und Leistungen, vor, während und nach der Nutzung”.
Usability ist also ein Teil der User Experience (deutsch: Benutzererlebnis). Das Benutzererlebnis umfasst die Gefühle, Meinungen, Vorlieben und Auffassungen der Benutzer die bevor, während und nach der Benutzung des interaktiven Systems bestehen.

Um auf unser Beispiel zurück zu kommen: Nachdem Tina den Blumenstrauß bestellt hat kommt er auch tatsächlich bei Ihrer Mutter an – nur leider einen Tag zu spät und halb verwelkt.


Der Unterschied von Benutzererlebnis und Gebrauchstauglichkeit:

• Die postiven Erfahrungen, die Tina beim Besuch des physikalischen Blumengeschäfts vor Ihrer Online-Bestellung gemacht hat beeinflussen die User Experience für die zukünftigen Besuche der Website (Tina geht mit einer positiven Einstellung und einer gewissen Erwartung an die Sache ran). Sie haben keinen Einfluss auf die Usability.
• Die Usability-Probleme beim Bestellprozess des Blumenstrauß wirken sowohl auf das Benutzererlebnis, als auch auf die Usability ein.
• Der verwelkte Blumenstrauß, den ihre Mutter zu spät geliefert bekommt beeinflusst das Benutzererlebnis. (Tinas Erwartungen werden nicht erfüllt)

Eine Vielzahl von Faktoren beeinflussen die User Experience, wie z.B. Markenimage, das Visual Design, die Informationsarchitektur und das interaktive Verhalten des Produkts, die Systemleistung, Empfehlungen die man evtl bekommen hat etc.


User-Centered-Design (nutzerorientierte Gestaltung)

Beim Konzipieren digitaler Medien haben wir also das Ziel für eine möglichst gute Gebrauchstauglichkeit zu sorgen und das gesamte Nutzererlebnis positiv zu gestalten, denn am Ende geht es darum die Benutzer glücklich zu machen und dafür zu sorgen, dass sie gerne wiederkommen.

User-Centered-Design ist dabei eine Herangehensweise beim Gestalten und Konzipieren von interaktiven Systemen, bei der man sich auf die tatsächliche Verwendung des Systems konzentriert und den Nutzer mit seinen Aufgaben, Zielen und Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellt. Ein Teil des sogenannten “menschzentrierten Gestaltungsprozesses” ist die Usability-Evaluierung oder Bewertung der interaktiven Systeme.


Usability-Evaluierung

Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Formen der Usability-Evaluierung: welche mit, und die ohne Benutzer.
Usability-Evaluierungen mit Benutzern zielen auf die objektiven Fähigkeiten der Benutzer ab, eine Aufgabe zu erfüllen. Usability-Analysen ohne Benutzer sind im Grunde genommen Meinungen, die auf Fachwissen basieren und von Experten durchgeführt werden. Man nennt sie auch Usability-Inspektion oder inspektionsbasierte Usability-Evaluierung.

Es gibt viele verschiedene Formen von Usability-Test, wie z.B. Usability-Test in einem Laboraufbau, mit Fokusgruppen, via Eye Tracking, Heat Maps, oder Heuristische Evaluierung und A/B-Test etc.

In diesem Beitrag möchte ich näher auf den unmoderierten Usability Test eingehen. Der Hauptvorteil am dieser Methode ist, dass die Rekrutierung der Testteilnehmer schnell und preiswert ist und ihr so kurzfristig wertvolle Erkenntnisse erhalten könnt.


Unmoderierter Usability Test

In diesem Testszenario bearbeiten die Teilnehmer Aufgaben ohne dabei beobachtet zu werden, was bei anderen Tests teilweise der Fall ist. Üblicherweise arbeitet das Projektteam bei dem unmoderierten Usability-Test mit Firmen zusammen, die solche Tests durchführen, da sie einen Pool von Testteilnehmern haben, die sie für die jeweiligen Tests ansprechen können. Diese bekommen einen Link zu der Website oder dem Prototypen geschickt und bearbeiten die dazugehörigen Fragen dann an Ihrem eigenen Computer – also in gewohnter Umgebung. Durch eine vorinstallierte Software werden Bildschirm und Stimme des Teilnehmers per Video aufgezeichnet, um sie nach Abschluss des Tests auf den Server des jeweiligen Dienstleisters für die spätere Analyse hochzuladen.

Während den Usability-Tests ist es wichtig, dass die Testteilnehmer laut denken. Die Methode des lauten Denkens ist wichtig für die Beobachter und die Auswertung, um die Gedanken, das mentale Modell und die eventuellen Schwierigkeiten, die ein Testteilnehmer hat zu verstehen.


So läuft ein unmoderierter Usability-Test ab:

1. Definieren der Ziele
Was soll getestet werden? Welcher Bereich der Anwendung steht im Fokus?
Dazu werden Nutzungsanforderungen und Benutzergruppen definiert, d.h. die Eckdaten für die Rekrutierung der Testpersonen , die Anzahl der Testteilnehmer und der Umfang des Test, sowie die Anzahl der Testfrage werden festgelegt. Ein Test sollte ca. 15 Minuten dauern.

2. Vorbereiten des Testobjekts
Wenn eine schon laufende Website gestestet werden soll, ist hier nichts zu tun. Oft werden jedoch Prototypen getestet, d.h. noch nicht fertige Versuchsmodelle, z.B. in Form von Clickdummys, die – manchmal nur einen Teil des – Interaktionsdesigns und den Navigationsfluss repräsentieren.

3. Erstellen der Testaufgaben
Für einen Test plant ihr in der Regel drei bis fünf Fragen. Die Aufgaben sollten natürlich zu den Zielen des Tests passen, d.h. wenn ein bestimmter Teil der Navigation getestet werden soll, müssen die Fragen dem entsprechen. Die Fragen sollten aus Perspektive der Teilnehmer relevant und leicht verständlich sein und in einer logischen Reihenfolge gestellt werden.
Es ist ratsam, die erste Aufgaben einfach zu halten, so dass der Teilnehmer schon zu Beginn ein Erfolgserlebnis hat. Bei der Formulierung der Frage solltet ihr darauf achten versteckte Hinweise auf die Lösung zu vermeiden. Das klingt logisch und einfach, ist aber oft etwas kniffelig, da ihr dazu beispielsweise auch keine Begriffe aus dem Menü, das die Teilnehmer testen, verwenden solltet.
Wenn die Testaufgaben erstellt sind, empfiehlt es sich sie an einer neutralen Person, z.B. einem Kollegen, der nicht involviert, ist zu testen, um sicherzustellen, dass sich keine Formfehler eingeschlichen haben und die Fragen, die ihr mit eurer Innensicht des Projekts nicht oder nur schwer entdecken könnt.

4. Pilot-Test / Auswertung / Anpassung
Dann kann es eigentlich schon losgehen mit dem ersten Test. Der Test wird auf zwei bis drei Teilnehmer losgelassen, die Videos analysiert und bei eventuelle Problemen werden dementsprechende Anpassungen vorgenommen. (z.B. es stellt sich raus, dass eine Frage nicht ganz eindeutig ist …)

5. Test
Der Test wird an alle Testteilnehmer geschickt, sobald diese ihn ausgeführt haben stehen die Videos zu Ansicht zur Verfügung.

6. Analyse: Befunde erfassen und einstufen
Die Videos werden angesehen und ausgewertet, Usability-Probleme erfasst und nach “Schweregrad” eingestuft. Hier wird nach bestimmten Kriterien sortiert. Je häufiger ein Problem auftritt, desto schwerwiegender ist es natürlich. Es wird auch unterschieden zwischen “Aufgabe nicht gelöst” und “Aufgabe gelöst”, wobei es auch darauf ankommt in welcher Zeit sie gelöst wurden.

7. Befunde kommunizieren: Testbericht schreiben
Diese Befunde werden zuletzt in einem Testbericht dokumentiert und weitergegeben. Wichtig ist hierbei auch positive Befunde zu berichten, damit diese bei der Weiterentwickung des Systems erhalten bleiben.

Meist werden die Testpersonen dazu angehalten nach der letzten gelösten Aufgabe noch ein paar Sätze zu dem Gesamteindruck zu sagen oder man hat die Möglichkeit sie zu fragen, ob es etwas gibt was sie konkret verbessern würden. Aus diesen Kommentaren ergeben sich oft auch nützliche Erkenntnisse.


Fazit

Aufgrund der Erkenntnisse von Usability-Tests können interaktive Systeme gezielt weiterentwickelt und verbessert werden. Die Ergebnisse basieren nicht auf Meinungen einzelner, sondern auf der konkreten Anwendung durch Nutzer aus der Zielgruppe. Der unmoderierte Usability-Test ersetzt vielleicht keinen aufwendigen moderierten Usability-Test im Labor, ist aber eine preiswerte und schnelle Methode um eine Bewertung und wertvolle Erkenntnisse zu einem interaktiven System aus Nutzersicht zu erlangen.



Ich hoffe ich konnte Euer Interesse für das Thema User-Testing wecken. Wenn ihr Ergänzungen oder Fragen habt, schreibt sie gerne in die Kommentare!

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