Warum wir Einzelhändlern nicht immer vertrauen

Meine Frau lässt sich im lokalen Einzelhandel beraten und hat den festen Vorsatz, auch dort zu kaufen. Sie bekommt sogar ein gutes Angebot für ein Ausstellungsgerät. Dann weint unser kleiner Sohn. Meine Frau lässt sich das Gerät zurück legen und verlässt eilig das Ladengeschäft. Sie zückt beim Stillen das Smartphone. Was dann geschieht ist leider kein Einzelfall und bezeichnend für die Probleme des Einzelhandels.

Die folgende Geschichte hat sich tatsächlich so zugetragen und unterstreicht ein Mal mehr, warum wir Kunden den klassischen Einzelhändlern nicht immer vollumfänglich vertrauen. Aber der Reihe nach.

Meine Frau näht in ihrer Freizeit gerne und spielt schon lange mit dem Gedanken, ihre alte Nähmaschine durch ein neues Modell zu ersetzen. Da es bei diesen Geräten durchaus auch mal zu Reparatur-Fällen kommen kann und man von der großen Masse an verschiedenen Modellen schier erschlagen wird, lässt sie sich in einem Karlsruher Fachgeschäft beraten. Sie ist sehr zufrieden mit der Beratung, kann einige Nähmaschinen direkt im Laden ausprobieren und findet so ihr Traum-Modell. Da es sich um ein Auslauf-Modell handelt, macht ihr die Verkäuferin ein gutes Angebot für das im Laden ausgestellte Gerät (das ja schon benutzt & getestet wurde).

Doch dann fängt unser sieben Wochen alter Sohn (mit dabei im Tragetuch) an zu weinen. Meine Frau reserviert das Gerät und verlässt den Laden, um ihn in Ruhe stillen zu können. Und – wie man das heute so macht, Sie zückt das Smartphone.

Mit wenigen Suchanfragen ist sie schlauer: Der Preis für das gebrauchte Ausstellungsgerät liegt 15 Euro über dem Preis, dem man bei Amazon für ein Neu-Gerät bezahlt. So weit so gut – meine Frau würde trotzdem immer noch lokal kaufen. Wegen der guten Beratung im Laden und dem hoffentlich guten Service nach dem Kauf.

Doch bei einer weiteren Suche findet sie ganz schnell heraus, dass der Karlsruher Einzelhändler im Internet unter anderem Namen einen Online-Shop betreibt. Auch dort ist das Neu-Gerät günstiger als das gebrauchte Gerät aus dem Laden – mit Bestellung des Newsletters gibt es sogar nochmal 10% Rabatt oben drauf. Auch die Lieferung ist natürlich kostenlos.

Die verständliche Reaktion meiner Frau:
„Wollt ihr mich eigentlich verar…?“

Der Händler scheint seine Kundschaft für ziemlich dämlich zu halten. Auf der Website des Ladengeschäfts ist vom Online-Shop weit und breit nichts zu sehen. Man kann also unterstellen, dass man den Shop bewusst vor der Kundschaft im Laden versteckt – weil diese im Laden tiefer in die Tasche greifen soll. Aber „leider“ rufen wir Kunden eben Websites nur noch selten direkt auf. Wir nehmen Google als Abkürzung. Und Google kennt eben auch eine Seite, die sonst bevorzugt von Abmahn-Anwälten angesurft wird: das Impressum. Und das verrät in diesem Fall ganz klar, dass es sich beim Shop-Betreiber eben um den lokalen Händler handelt. Da war die Impressums-Pflicht doch mal für was gut! 😉

Zurück bleibt ein sehr ungutes Gefühl.

Warum macht der Händler das? Welche Strategie verfolgt er damit?
Klar kostet ein lokales Ladengeschäft Geld. Aber auch ein Online-Shop betreibt sich nicht von allein & kostenlos. Dürfen sich Händler darüber beschweren, dass das Internet ihr Geschäft kaputt macht – und munter mitmachen?
Warum wird dem Kunden im Laden nicht auch ein Newsletter angeboten? Eine kostenlose Lieferung des schweren Geräts nach Hause?

Der Nähmaschinen-Shop hört übrigens auf den wunderbaren Namen „Nähmaschinen billiger“. Wir empfehlen eine Erweiterung auf „Nähmaschinen billiger als in unserem Laden, den ihr künftig besser meiden solltet“.

Im Ernst:
Was man aus diesem Beispiel lernen können ist, dass wir Kunden schlauer sind, als manche Händler das gerne hätten. Dass es wichtig ist, eine klare Preis-Strategie zu fahren. Dass die Welten „Online-Shop“ & „lokaler Handel“ zusammen betrachtet werden müssen – dass beide ineinander greifen und sich gegenseitig befruchten müssen.

Für den Kunden muss es völlig egal sein, wo er einkauft.

Kunden des lokalen Ladengeschäfts dürfen nicht dafür bestraft werden, dass sie den Klick in ihrer Stadt lassen. Ohne danach fragen zu müssen sollten Kunden die gleichen Konditionen erhalten – egal welchen Kanal sie nutzen.

Übrigens: Meine Frau hat die Nähmaschine trotzdem beim Karlsruher Händler gekauft. Nach einiger Diskussion hat man ihr zwar nicht die gleichen Preise/Rabatte wie im Internet gewährt, dafür Zubehör mit ähnlichem Wert dazu gegeben. Aber eben nur nach Diskussionen und verbunden mit der Bitte, sie möge das niemandem erzählen.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Berichtet gerne in den Kommentaren.

Alle Beiträge von Stephan

Unsere meistgelesenen Beiträge

Zwei Jahre Chromebook: Ein Erfahrungsbericht

Google Chromebook
|
Gute 25 Jahre PC-Nutzung - von Anfang an mit Windows. Dann raucht im wahrsten Sinne des Wortes mein teures und gar nicht so altes Lenovo-Notebook ab. Und ich bestelle mir einfach ein Chromebook und bin schneller weg aus der Windows-Welt, als ich es für möglich gehalten hätte. Zwei Jahre ist das nun her - und ich habe zwischendurch immer wieder über meine Erfahrungen mit dem Chromebook berichtet.