Von Menschen zu Nashörnern

Heute wird’s nerdig, aber nicht so wie ihr denkt. Wir machen einen Ausflug ins Theater, denn in meiner Filterblase voller netter Menschen geraten zusehendes immer mehr wutschnaubende Nashörner. Ein Herr namens Eugène Ionesco hat dafür ein erklärendes Stück namens Rhinocéros geschrieben. (Rhinocéros ist französisch für das Nas'orn, das so schön getrampelt hat auf mein Bauchnabel)

Wenn die Absurdität eines Theaterstücks von 1957 plötzlich in deiner Timeline wohnt

Die Prämisse des Stücks ist, dass in einer französischen Kleinstadt sich immer mehr Menschen plötzlich in Nashörner verwandeln. Im Gegensatz zu den Menschen der Kleinstadt sprechen die Nashörner eine unverständliche Sprache, treten nur in Rudeln auf, sind gewalttätig und stellen der von ihnen wahrgenommen Schwäche der Menschen das Recht der Natur und damit des Stärkeren gegenüber. In jedem Akt des Stücks fallen immer mehr typische Figuren der westlichen Gesellschaft der Nashorn-Krankheit zum Opfer, manche willentlich, manche aus Pflichtgefühl, manche aus Resignation. Gemeinsam ist allen, dass sie nach der Verwandlung keinen Weg zurück finden können, da ihre wahrgenommene Überlegenheit jeden Versuch der Verständigung im Keim erstickt. So weit die Zusammenfassung, zurück zu meiner Filterblase.

Zuerst hatte ich in meiner Filterblase auch einen Menschen der sich nach und nach in ein Nashorn verwandelt hat. Ein schleichender Prozess, der sobald er einen gewissen Punkt überschritten hat eine beunruhigende Geschwindigkeit entwickelt und jetzt einen Punkt erreicht hat, an dem diese Person, die ich zu kennen glaubte, genauso gut von einem anderen Planeten hätte kommen können. Es fing mit Aussagen, die unproblematischer konservativer Natur waren: „Verschwendung von Steuergeldern!“, „Gegen die Verspargelung der Landschaft!“ (Windräder, ihr wisst schon, gegen die muss man kämpfen, das ist literarisch wertvoll).

„If only it happened somewhere else, in some other country, and we’d just read about it in the papers, one could discuss it quietly, examine the question from all points of view and come to an objective conclusion. We could organize debates with professors and writers and lawyers, blue-stockings and artists and people and ordinary men in the street as well-it would be very interesting and instructive. But when you’re involved yourself, when you suddenly find yourself up against brutal facts, you can’t help feeling directly concerned-the shock is too violent for you to stay detached.“*

Das erste Opfer: Die kritische Selbstbeobachtung

Es ging weiter damit, dass nur Inhalte von Seiten geteilt wurden, deren Argumentationsstruktur und vor allem Beweisführung bestenfalls lausig waren. Darauf folgten Lobpreisungen von traditionellen Familienwerten an einem Tag und der Aussage, dass „Alice Schwarzer verstanden hat was Deutschland braucht“ am anderen. Um dazu ein bisschen Hintergrund zu geben: Alice Schwarzer fand es irgendwann auch bedenklich, dass diese ganzen jungen syrischen Männer nach Deutschland kommen. Was verständlich ist, mehr Feindbild geht in diesem Fall ja fast nicht. Aber mein inzwischen fast völlig vernashornter Bekannter, männlich und mittleren Alters, fand auf einmal Alice Schwarzer UND traditionelle Familienwerte gut. Ich habe mir bei dem Versuch des irgendwie nachzuvollziehen fast das Hirn verstaucht, bis mir Eugène Ionescos Stück die Erklärung dazu geliefert hat. Ich verstehe jetzt auch wie Trump Reden halten kann, ohne dass ihm dabei Blut aus der Nase läuft.

„The Rhinoceroses, rhinoceritis and rhinoceration are current matters and you single out a disease that was born in this century. Humanity is besieged by certain diseases, physiologically and organically, but the spirit too is periodically besieged by certain diseases. You discovered a disease of the 20th century, which could be called after my famous play, rhinoceritis. For a while, one can say that a man is rhinocerised by stupidity or baseness. But there are people-honest and intelligent-who in their turn may suffer the unexpected onset of this disease, even the dear and close ones may suffer…It happened to my friends. That’s why I left Romania“.**

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich unsere Wege weitgehend getrennt, insofern habe ich ihn in eine Schublade gepackt, den Schlüssel umgedreht und ging meine Wege. Doch dann zeigten geschätzte Menschen aus meiner Vergangenheit und in meiner Gegenwart die selben Symptome: Fragwürdige Quellen in der Timeline, fragwürdige Aussagen, „Wir gegen die“-Rhetorik, „armes Deutschland!“ und das aus Ecken, die ich nie erwartet hätte: Die ehemalige coole Socke, die alle Lehrer nachmachen konnte und eine 90er-Version von „Pepe, dem Paukerschreck“ war. Ein Unternehmer im medizinischen Bereich, mit liberaler Grundeinstellung und FDP-Wähler. Leute, die selbst noch eine Generation zuvor durch Krieg und Not vertrieben wurden. Leute, die auch in diesem Theaterstück aus dem Jahre 1957 als Archetypen vorkommen könnten.

Und Ionesco so: "Ihr habt den Nashörnern Social Media gegen? Seid ihr bekloppt?"
Und Ionesco so: „Ihr habt den Nashörnern Social Media gegeben?
Ich krieg Kopfweh…“

Ohne Gegenstimmen wird Social Media zum Infektionsbeschleuniger

Wie in dem Stück, kann es jeden treffen und das ist sehr beunruhigend, als ob man einen fiesen Bazillus unter dem Mikroskop betrachtet und plötzlich feststellt, dass der Kollege gegenüber rot unterlaufene Augen hat und stark hustet. Ein weiterer beunruhigender Gedanke ist, dass die Verwandlung im Stück unumkehrbar ist und der erwähnte Bekannte von mir kann jetzt mit dem Begriff „tollwütig“ treffend umschrieben werden kann. Bisher habe ich es mir verkniffen Kommentare der Sorte „Hast du dir mal überlegt, wo dieses Video-Material herkommt“ oder „Hast du dazu noch offizielle Quellen“ abzugeben. Doch inzwischen frage ich mich, ob das den Prozess der Nashornifizierung nur beschleunigt, weil dem Abstieg in immer dunklere Gefilde der Echokammer nichts und niemand im Weg steht. Denn was all diesen Nashörnern in meiner Timeline zu eigen ist, ist dass sich keines davon fragt, ob jemand der über Angst Macht erzeugt, jemals aufhören wird Angst zu schüren. Was zu uns einem anderen Stück Literatur bringt: 1984, das mit dem traurigen Satz endet „But it was all right, everything was all right, the struggle was finished. He had won the victory over himself. He loved Big Brother.“

Ich denke, ich werde ab jetzt unbequeme Fragen stellen. Bitte tut es auch.

* Quinney, Anne (Fall 2007). „Excess and Identity: The Franco-Romanian Ionesco Combats Rhinoceritis“. South Central Review. 24 (3): 36–52.
** South Central Review. 24 (3): 36–52.

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