„Verdopple deine Page Impressions oder du fliegst!“

Vor kurzem habe ich schon zum zweiten Mal aus meinem erweiterten Bekanntenkreis gehört, dass sie durch Page Impressions Ärger im Job hatten. Das ist nicht cool, denn nur stumpf auf Page Impressions zu optimieren, bringt euch ins Tal der Vollhorste.

Das erste Mal hörte ich davon auf der Gamescom 2014, als ein Online-Redakteur erzählte, wie er von seinem Teamleiter vorgehalten bekommen hat, dass er – lose zitiert „ihn diesen Monat 1.200 Euro gekostet hat“. Der Grund war auch hier zu wenig Impressions und damit weniger Werbeeinnahmen. Damals dachte ich mir „Arme Sau“ und sonst nichts weiter.

Vor kurzem kam das Thema wieder in meinen sozialen Kanälen angerauscht und doch dieses Mal hatte mich die Neugier gepackt. Da ich große Teile der Woche von Leuten umzingelt bin, die beruflich mit Kennzahlen und deren Interpretation arbeiten, wollte ich wissen, wie denn so Ansagen wie „Du hast mich diesen Monat 1.200 Euro gekostet“ oder „Entweder du verdoppelst deine Page Impressions oder es gibt keinen neuen Vertrag“ untermauert werden. Gibt es Zielgruppen? Gibt es eine Analyse oder Handlungsvorschläge? Gibt es Irgendwas?

So sieht es am Anfang der Vollhorst-Fallacy aus
So sieht es am Anfang der Vollhorst-Fallacy aus

Höher, schneller, weiter sind nur gute Kennzahlen für Raketen

Die ernüchternde Antwort: Gibt es nicht. Das Problem mit so einer recht oberflächlichen quantitativen Herangehensweise ist, dass sie zu einer Spirale führt, die ich die „Vollhorst-Fallacy“ nenne (übrigens: Alles wirkt wichtiger, wenn man einen Bindestrich und ein englisches Wort einbaut). Die Annahme der Vollhorst-Fallacy ist, dass es eine wachsende Menge an Vollhorsten im Netz gibt, die sich dadurch auszeichnen, dass sie alles klicken, seichte Kost bevorzugen und alles, aber auch wirklich alles in ihre sozialen Kanäle feuern, in denen die Inhalte dann von noch mehr Vollhorsten aufgegriffen werden. Was super für Page Impressions sein muss, denn es scheint nach den Erzählungen meiner Netzbekannten völlig wurscht zu sein, ob ein Teenager, ein besserverdienender Familienvater oder ein ausreichend trainierter Igel den Klick bringt. Hauptsache Klicks.

Doch die zweite Variante performt besser!
Doch die zweite Variante performt besser!

I am Dr. Bakare Tunde, the cousin of Nigerian Astronaut, Air Force Major Abacha Tunde. He was the first African in space when he made a secret flight to the Salyut 6 space station in 1979.

Doch ohne Richtung wird es schnell hässlich

Zeit für einen Exkurs: Wisst ihr, warum Scammer keine vernünftigen E-Mails schreiben und das im Zeitalter von diversen Übersetzungstools und Wikipedia? Microsoft hatte dazu ein aufschlussreiches Forschungsprojekt, in dem sie herausgefunden haben, dass sie dadurch eine Vollhorst-Vorselektion durchführen: Nur, wenn ihr ein Vollhorst seid, glaubt ihr, dass ein nigerianischer Astronaut eure Kohle braucht, um zur zu Erde zurückzukehren. So sparen sich die Scammer Zeit, die sie sonst in der Kommunikation mit – sagen wir mal – kritischen Menschen verschwenden würden.

Jetzt kommt die Sache so richtig in Fahrt!
Jetzt kommt die Sache so richtig in Fahrt!

In the 14-years since he has been on the station, he has accumulated flight pay and interest amounting to almost $ 15,000,000 American Dollars.

Mit Page Impressions verhält es sich ähnlich, wenn ihr sie nur rein quantitativ nutzt: Irgendwann setzt von ganz alleine die Vollhorst-Optimierungsspirale ein. Dazu gibt es ein schönes, wenn auch inzwischen betagtes Beispiel: In the Evolution of the Evony Ads könnt ihr im Schnelldurchlauf beobachten, wie wenig Iterationen es bis zum Entgleisen braucht.

Ohne Ziel könnt ihr nur weiter ins Nichts beschleunigen und hoffen

If we can obtain access to this money, we can place a down payment with the Russian Space Authorities for a Soyuz return flight to bring him back to Earth.

Wenn also ein Redakteur sich mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, dass er diesen Monat 1.200 Euro an fehlenden Werbeeinnahmen verursacht hat oder sogar mit Beendigung des Arbeitsverhältnisses bedroht wird, dann wird er entweder hart in die Vollhorst-Optimierung einsteigen und euch mit Artikeln, wie „Die zehn besten Promihupen“ (see what I did there?) oder „Die Bodenkontrolle ist gemein zu diesem nigerianischen Astronauten, doch was er dann schreibt, brachte sie zum weinen“, beglücken oder innerlich kündigen.

Die Vollhorst-Fallacy hat die Atmosphäre verlassen und beschleunigt weiter.
Die Vollhorst-Fallacy hat die Atmosphäre verlassen und beschleunigt weiter.

Vollhorste sind ein Markt wieder jeder andere, aber ist es eurer?

Solange ihr Kredite ohne SCHUFA, Heilkristalle oder Reichsbürger-Pässe verkauft, ist das auch super für euch: Immer frisches Blut im Unternehmen, das sich der bespielten Zielgruppe immer mehr mental und inhaltlich annähert und jede Menge erreichte Vollhorste. Doch falls das nicht der Fall sein sollte, fragt euch ob das simple Messen von Page Impressions euch nicht über kurz oder lang das Geschäft kaputt macht, weil euch die attraktive Zielgruppe der jungen, besserverdienenden Familien für ein Vollhorst-Format hält, über das sie bei einem gepflegten Glas Rotwein einen kantigen Läster-Tweet zur Tatort-Zeit absetzen.

Also, quantitative und qualitative Kennzahlen. Es hilft gegen die Vollverhorstung von Innen und Außen.

P.s.: Ich möchte mich bei allen Horsten entschuldigen, aber die Netzrecherche hat ergeben, dass „Vollhorst“ der Fachbegriff ist

P.s.: Ja, ich habe den Artikel mit Absicht auf Vollhorst optimiert

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