User Debris, wenn Stückchen von euch durchs Internet fliegen

Unser Weg durchs Netz hat viel mit dem eines Kometen durchs All gemeinsam: Jeder von uns zieht einen Schweif von Kommentaren, Bilduploads und Forenbeiträgen hinter sich her. Das war so lange nicht problematisch, wie das Internet aus lustigen Nicknames und Personas bestand und sich hinter jedem dieser Profile alles mögliche verbergen konnte – meistens war es der Zonk. Das hat sich inzwischen geändert.

Zum Begriff: Der stammt aus diesem Artikel von Gizmondo über ein Datingportal und ich fand ihn eigentlich ganz schick, weil es die digital industrialisierte Version von Identitätsdiebstahl ist.

Dadurch, dass soziale Netzwerke nur langfristig überleben können, in dem sie uns überzeugen, unsere sozialen Beziehungsgeflechte in ihre Infrastruktur zu verlagern, wollen sie natürlich echte Bilder, echte Namen und echte soziale Interaktionen. Denn nichts tötet eine Community schneller, als Männer mittleren Alters, die hinter dem Schutz von Nicknames trollen oder halb so alte Menschen mit ihren Avancen belästigen.

Persönliche Daten mit einem hohen Echtheitswert sind für Scammer eine Goldmine

Weil ihr mit Klarnamen mit euren Freunden und Familie kommuniziert, werden aus diesen vorher schwer verwertbaren, weil immer potentiell konstruierten, Profilen plötzlich wertvolle Datenquellen für Spammer und die Konstrukteure von Chatbots: Denn durch die Mischung aus sozialer Erwartungshaltung und den Geschäftsbedinungen der Plattform produziert ihr Gold am laufenden Band: Euer Urlaubsalbum, der Stadtbesuch, der Ausflug mit Freunden. Denn wenn sich etwas davon als fake entpuppt, gibt es mächtig Dislikes und böse Nachrichten. Falls ihr gerne euren individuellen Shitstorm erleben wollt: Ultraschallbilder mit zweideutigen Kommentaren funktionieren ziemlich gut. Die Echtheit der Inhalte, die in den Anfängen größerer Communities schwer zuzuordnen war und in Foren noch immer schwer zuzuordnen ist, ist in sozialen Medien in den meisten Fällen gegeben.

"Früher, da musste man sich User Debris noch richtig einverleiben" - der große, böse Wold
„Früher, da musste man sich User Debris noch richtig einverleiben“ – der große, böse Wolf

Aus diesen Quellen lässt sich jetzt über halbseidene oder komplett illegale Wege neues Material rekombinieren, das nicht auf den ersten Blick als Fake zu erkennen ist. Aus euren zwei Wochen auf der Insel und dem Kurztrip in die europäische Großstadt wird Futter für ein Datingportal, in dem die Bots Mandy oder Brad auf Singlejagd gehen und eine ganze Armee von ihnen dafür sorgt, dass der Teich, in dem der Datingportalkunde fischt, wohlgefüllt erscheint.

Aus den Stückchen von euch lassen sich auch hervorragend neue Personas kombinieren, mit denen Scammer versuchen Freunde, Kollegen und Familie übers Ohr zu hauen. Das funktioniert besonders gut, wenn schon einige Facebook-Freunde den falschen Account in ihre Freundesliste hinzugefügt haben. Mir ist es schon passiert, dass ein großer Teil meiner beruflichen Bekannten alle mit einer Dame mittleren Alters befreundet waren und ich mir dachte „Die wird schon irgendwie dazugehören“, kaum angenommen wurde mir von ihr ein total seriöses Kreditgeschäfte mit einer absolut zu vernachlässigenden Vorauszahlung angeboten. Bäm, auf einen Bot reingefallen, und das mir, dem Freizeitparanoiker vor dem Herrn.

Ach Großmutter, was hast du für ein so großes Maul und so lange Zähne!

Während Bots schnell erkannt sind, können Scammer richtig Schaden anrichten: Denn anstatt einer Handvoll vorgefertigter Nachrichten, schießen sie sich individuell auf vielversprechende Ziele ein. Das Vorgehen ist dabei nicht unähnlich dem Enkeltrick, der gerade wieder die Runde macht, das bekannteste Beispiel eines Scamming-Opfers dürfte aber nach wie vor Rotkäppchen sein: Was für den bösen Wolf noch richtig Arbeit war, ist Dank Copy & Paste nun in großem Maßstab anwendbar, denn eure Stückchen sind schon durch euch in einen sinnvollen Kontext gebracht und beliebig reproduzierbar.

Im Zweifel, aus der Rolle fallen

Doch dagegen könnt ihr durchaus etwas tun: Seid ein bisschen seltsam. Weder Bots noch Scammer kommen damit klar, wenn ihr Unerwartetes tut, während Bekannte und Freunde relativ schnell die Kurve kriegen werden. Die klassischen Fangfragen, wie „Wie geht’s den Kids“ ziehen unter Umständen auch nicht mehr, dem gut gepflegten Facebook-Profil sei dank. Komisch geht immer: Fragt ab Jesus eher der Vanille- oder der Schokoladeneistyp war (Schokoladeneis, übrigens) oder welcher Subwoofer am besten ins Batmobil passen würde (Für Subwoofer müsst ihr Fabian fragen, ich hab von den Dingern keine Ahnung).

Und als ob das nicht genug wäre, inzwischen optimieren clevere Schufte auch schon auf Promis, um die Leute auf malware-infizierte Seiten zu kriegen. Aber das nur am Rande.

Also, Augen auf bei neuen Facebook-Freunden und wenn euch Oma Infos zu einem super Kredit schickt, fragt sie, warum sie so große Augen hat – oder scammt zurück, kann auch witzig sein.

P.s.: Es ist echt hart zusammenhängende Kupferstiche von Rotkäppchen zu finden.

Zur Belohnung, noch mehr Scammer-Bots (des Todes):

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