„Tracking essen Seele auf!“ rufen uns Redakteure erbost zu. Wir antworten.

Wenn ich mit Redakteuren über Tracking rede geschieht immer das Gleiche: Die Sportredakteure fragen "Und, wieviel hab ich?", die Kulturredakteure rutschen in ihrem Sitz ein bisschen tiefer und die Politikredateure winken ab "Ich weiß von wem ich gelesen werde! Der Elite!". Was alle verbindet ist, dass Tracking immer mit Misstrauen und einer Portion Angst begegnet wird. Zu Unrecht. Nur rein in den Streichelzoo, es beißt nicht.

Erster Halt: Reichweitengehege

Wovor der Kultur- und der Politikredakteur Angst haben ist, dass nur die Reichweite zählt. Denn mit massig Klicks kann keiner der beiden punkten, zu speziell ist in den meisten Fällen die Materie. Die Angst: Wenn die jetzt mit Tracking ankommen, dann schreib ich nur noch Beiträge wie „Zehn Dinge, die ihr noch nicht über Transformers 68 oder Angela Merkels Blazer wusstet!“ Nur noch flaches Zeug, damit auf Facebook die Likes und über Google die Page Impressions reinrollen – auch weil man den Beitrag geil auf Mangold optimiert hat.

Die Angst ist berechtigt, denn das kann zu seltsamen Spagaten führen, so wie bei Business Insider Deutschland: „5 Dinge, die nur Menschen mit geringem Selbstbewusstsein bei Facebook machen“. Daneben die aktuellen Börsenzahlen. Ich mein, echt jetzt?

Hier seht ihr einen Schnappschuss unserer Blogbeiträge von Januar bis März. Noch ist Peter-Content nicht auf dem Siegertreppchen, doch gemeinsam schaffen wir das!

Wichtig ist hier quantitativen Kennzahlen immer einen qualitativen Gegenspieler zu geben: So verhindere ich, dass meine einzige Stellschraube der größte gemeinsame Nenner ist, denn damit lande ich früher oder später eh beim Cat-Content ‒ der hier zugegebenermaßen informativ ist.

Nur mit qualitativen Kennzahlen kann ich erkennen, dass die Leser der Kultursparten zwar wenige, dafür aber treuer sind. Das Ziel also: „Wie kann ich diese Leser noch besser abholen?“ und nicht „Wie kriege ich Fans der seichten Unterhaltung in meine Sparte?“

Zweiter Halt: Egogehege

Die Annahme, dass man von den Schönen, Klugen und Reichen gelesen wird, schmeichelt natürlich nicht nur der angenommenen Zielgruppe. Sie schmeichelt einem durch Assoziation auch selbst. Das Problem an der Sache: Was, wenn einen aber die Pensionäre, Lehrer, Gewerkschaftler und Industriemeister und nur der gelegentliche Politiker lesen?

Dann würde es sich anbieten, für diese Leute, die ja schon unsere Leser sind, ein besseres Angebot zu schaffen und gleichzeitig einen Testballon für unsere gewünschte Elitenzielgruppe zu starten. Es tut weh, sich von liebgewonnenen Selbstbildern zu verabschieden. Doch besser das, als am Ende mit drei Aufsichträten über Leserbriefe und Kolumnen eine Privatkonversation zu führen, oder? Hier gibt es dazu noch ein bisschen mehr Futter vom Chefstrategen André höchstselbst.

Dritter Halt: Alltagsgehege

Nachrichten zu produzieren war und ist ein Knochenjob. Doch wenn sich die Formate nicht wirklich ändern, kann man eigentlich ganz bequem den Bericht zum 47. Treffen der Sportfreunde Südwest runterklopfen, eventuell müssen sogar nur die Namen geändert werden.

Plötzlich kommt da so ein komischer Medienmensch und verlangt, dass man dafür nicht nur sein Kürzel sondern auch das eigene Gesicht hergibt und sogar hinfährt, um ein Videointerview über die Faszination des Vereinslebens in der Kreisliga B zu machen. Ich mein, echt jetzt? Nur weil Sport, Charakterköpfe und Lokales gut gehen?

Bild mit desinteressierten Menschen, denen vorgelesen wird
Symbolfoto – Peter erklärt das Internet mit Hilfe eines Lehrbuchs einem interessierten Publikum

Man und frau müssen schon vom Schreibtisch befreit werden wollen, denn digitale Arbeit bedeutet eben auch, dass man da draußen in die noch weitgehend analoge Welt gehen muss, um spannende Geschichte zu finden, die die dpa nicht finden kann.

Tracking kann bei all diesen Dingen als direkter Zugang zu unseren Lesern dienen, doch wir müssen es einsetzen können und wollen, um den Journalismus zu machen, den die Leute brauchen und wollen.

Doch damit es nicht heißt, dass der Peter wieder von seiner Kanzel aus dem digitalen Elfenbeinturm runternölt: Bühne frei für Cathrin vom EPV, die uns einen Monat begleitet und ein, zwei Dinge mehr über Journalismus weiß als ich.

Rock’n’Roll Cathrin

Cathrin Clemens
Cathrin Clemens
Volontärin beim Evangelischen Presseverband für Bayern e.V.
Das Erste, was man über Journalisten wissen muss, ist, dass sie einem sehr speziellen Menschenschlag angehören. Sie selbst bezeichnen sich als neugierig, wissbegierig oder aufklärerisch. Wenn sie beispielsweise den Begriff „Winkschaden“ aufschnappen, dann recherchieren sie sich die Finger wund, suchen Ansprechpartner und führen stundenlange Gespräche. Am Ende schreiben sie eine Reportage über Eisenbahn-Fans, die Züge fotographieren und diese Fotos untereinander tauschen – nur das eine Bild mit dem Winkschaden eben nicht. Denn sobald ein Passagier in die Kamera winkt, ist das Foto wertlos.

Die Fragen, die sich in der neuen Tracking-Welt stellen: Warum eine geschriebene Reportage, die kaum Aufmerksamkeit bekommt? Und wen will der Journalist überhaupt mit diesem Thema erreichen?

Natürlich bietet sich ein kurzes Video-Interview an. Aber das hat der Journalist nicht gelernt. Die Ausbildung zum Journalisten bedeutet, Texte schreiben. Landauf, landab predigen Chefredakteure in klapprigen Bürostühlen, dass ein guter Journalist nur eins können muss: Einen Text schreiben, der alle W-Fragen in angebrachter Reihenfolge beantwortet. Manchmal darf man auch eine Meinung haben, aber eigentlich nur die wirklich guten, etablierten Journalisten. Ansonsten tritt der Schreibende hinter seine Texte zurück.

Und natürlich ist der Winkschaden kein Thema, nach dem ein großes Publikum sucht. Aber nach gefühlt 500 Meldungen über Kurioses, Straßenbauarbeiten oder Pressekonferenzen von den immer gleichen Persönlichkeiten, ist der Journalist einfach froh über etwas anderes schreiben zu können. Das ist seine Selbstverwirklichung.

Eine neue Hoffnung

Aber keine Angst, liebe Analytiker. Die altgediegenen Lehrmeister sind eine bedrohte Art. Eine neue Generation an Journalisten wächst heran. Inzwischen bietet jeder journalistische Studiengang ein Fach zum innovativen Storytelling, in dem Videoschnitt und Bildbearbeitung erlernt werden. Meine Redaktion vom Evangelischen Presseverband für Bayern e.V. hat mich zu den netzstrategen geschickt. Außerdem wächst die kommende Generation im Internet auf und ist dort als Persönlichkeit etabliert. Reichweite mit qualitativ hochwertigem Content ist genau die Herausforderung, die sie gesucht haben.

Unter Druck arbeiten
Zu viel Druck im Kopf führt zur Schreibblockade.
Tracking wird jedoch immer ein erschreckendes Thema bleiben. Denn Fakt ist: Jede messbare Kennzahl baut Druck auf. Schöngeister wie wir – und ich verstehe diesen Begriff ausnahmsweise im aller positivsten Sinn – mögen keinen Druck, keine messbaren Erfolgswerte oder daraus resultierende Vorgaben. Den Chefredakteuer von der Wichtigkeit eines Themas zu überzeugen (und damit von der eigenen Daseinsberechtigung in der Redaktion) ist viel leichter, als Zahlen zu widersprechen.

Aber zum Glück kommen an dieser Stelle Menschen wie Peter zum Einsatz, die uns erklären, wie wir die Wahrheit aus den Zahlen filtern. Denn Schöngeister wie wir – und ich verstehe diesen Begriff nun im eher negativen Sinn – verlieren oft den Bezug zur Umwelt und damit leider auch zur Leserschaft. Wir beschäftigen uns zu viel nur mit den Dingen, die wir in unserem Microkosmos toll finden. Da tut es ganz gut, von euch Tracking-Spezialisten wach gerüttelt zu werden. Und wenn ihr ehrlich seid: Ihr findet es doch auch toll mit euren überzeugenden Fakten ausgerechnet den Menschen die Welt zu erklären, die sonst euch die Welt erklären!

Mehr Futter zu Kennzahlen? Dann bitte da lang!

Einfach nur mehr Peter-Content? Dann hab ich hier was vorbereitet.

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