Total krass! Ich trinke Pharaonenbier! Ihr werdet nicht glauben warum!

Keine Panik, es erwartet euch keine Werbeveranstaltung zu Pharaonenbier, obwohl es sehr süffig, mit raffinierten Zutaten verfeinert UND kulturell wertvoll ist. Die Geschichte hört zwar, wie jede gute Geschichte, mit Bier auf. Angefangen hat sie aber letztes Jahr. Also: Schlapphut auf, Lederjacke an, wir machen jetzt eine Runde Nahvergangenheitsarchäologie.

2005 – 2010 Peter lernt, dass die Party im Museum hinter den Kulissen stattfindet

Ach, übrigens Disclaimer: In diesem Beitrag bin ich etwas voreingenommen, im Gegensatz zu meiner sonstigen, ausgeglichenen und extrem unparteiischen Argumentationslinie. Denn ich hatte das Glück während meines gesamten Studiums nicht nur einen ziemlich geilen Weg zur Arbeit zu haben (durch den Park, am Thronsaal vorbei, in den Schlossturm mit Blick auf den Park), sondern auch noch einen hochinteressanten Job abzustauben: Als IMDAS-Editor, einem System, mit dessen Hilfe die riesigen Inventare von Museen erfasst und bebildert werden können. So fotografierte ich bröselige Dinge aus der Keltenzeit, dicke Alben voller Notgeld und einen Haufen Schnapshunde.

In dieser Zeit lernte ich, dass sich hinter den Ausstellungsräumen mit ihren Vitrinen und Plaketen eine ganzes Universum aus Depots und Experten versteckt, über das es unglaublich viel Interessantes zu erfahren gab: Kuratoren, die mit Herzblut um den Erhalt einer alten Madonna kämpften, als einer aus Holz, die andere braucht deren Dienste (noch) nicht. Warum während der Hyperinflation nach dem zweiten Weltkrieg Scheine aus Alufolie gedruckt wurden und dass diese bröseligen Umhangs-Spangen aus der Keltenzeit ein wichtiges Indiz zur Rekonstruktion der Warenwege sind. Allen gemein war, dass sie für ihr Fachgebiet brannten. Dabei verschwanden sie zwar hin und wieder hoffnungslos im Fachjargon, waren aber immer bereit einen wieder abzuholen – sofern man sich zu fragen traute „Sherlock, wie haben Sie das gemacht?“

2010 – 2015 Peter macht Sachen, manchmal auch mit Hut

via GIPHY

2016 – Die Rückkehr des Peters – in beratender Funktion

Ich bin zu Gast im Badischen Landesmuseum, um die Frage zu klären, was man denn so einen Social Media managenden Menschen fragen müsste, um sicherzustellen, dass der oder die auch das Haus in diesen Plattformen angemessen repräsentieren kann. Ich hinterließ fünf gemeine und geheime Fragen, von denen sich leider nicht mehr rekonstruieren lässt, welche denn nun gestellt wurde und welche nicht.

2017 – Peter wird zum Influencer

Am 08.04.2017 hatte ich die Ehre und das Vergnügen an einer Veranstaltung des Badischen Landesmuseums zur aktuellen Sonderausstellung teilzunehmen, die mit einer Tour durch die Start begann und im Schlossturm bei einem Pharaobier endete. Dazu erst Mal einer dieser digitalen Call-to-Action-Dinger, von denen wir immer erzählen: Geht in die Sonderausstellung, sie ist ziemlich geil konzipiert, und macht eine Führung mit so einer kohlenstoffbasierten Lebensform und nicht mit dem Audioguide. Es lohnt sich.

Starker Stier, von Maat geliebt. Beschützer Ägyptens, der alle Fremdländer bezwingt. Reich an Jahren, groß an Siegen

Refrain der frühen Version von „Style & das Geld“, ca. 1200 v. Chr.

So viel zum Influencerpart, den ich ja nach wie vor irgendwie komisch finde, aber darüber habe ich schon mit Isa geredet.

Dass das Badische Landesmuseum diesen wichtigen Schritt in Richtung digitale Offenheit mit dieser Konsequenz geht, finde ich toll: Es gab eine fürstliche Verköstigung, eine Goodiebag und viel Zeit der Experten für eine Horde Blogger aus unterschiedlichsten Richtungen, die immer mal wieder mitten in der Führung wegliefern, Bilder aus seltsamen Perspektiven machten oder völlig versunken auf ihre Smartphones starrten. Aber ich schätze, wer mit Schulklassen klar kommt, steckt so was locker weg.

Bevor ich am Badischen Landesmuseum angefangen habe, hatte ich keine Vorstellung was für ein Kraftakt die Konzeption, Organisation und Durchführung einer Ausstellung ist: Bis zu vier Jahre kann es dauern, bis alles Rechtliche geklärt ist, der Transport der Ausstellungsstücke organisiert ist und das Konzept für die Präsentation sowohl räumlich als auch museumsdidaktisch aufbereitet ist. Ich hoffe, dass mit der Öffnung der Häuser die spannenden Entstehungsgeschichten von Ausstellungen auch nach außen getragen werden und nicht nur am Lagerfeuer vorm Depot zwischen Kuratorenveteranen ausgetauscht werden.

Das für mich entscheidende ist, dass das Badische Landesmuseum neue Formen der öffentlichen Aufmerksamkeit austestest und sich so als Institution zugänglicher macht. Denn hinter dieser Fassade stecken unzählige spannende Geschichten, die von einer Pressemeldung nicht transportiert werden können, von einer Begegnung auf Augenhöhe, die dann ihren Weg in die sozialen Medien findet hoffentlich schon.

Ich als Verkopfter finde es eher mittelgut, wenn mir schrillen Gestalten irgendwelchen Kram andrehen wollen, wie Dinge mit fruchtig-frischen blumigen Duftrichtungen. Dann doch lieber so eine Führung, in der ich lerne, dass Uschebtis – kleine Holzfiguren – die postmortale Riesterrente des alten Ägyptens waren. Das Altersvorsorgekonzept war eben lange Zeit ein eher jenseitiges, auch spannend. Da bin ich gerne Influencer. Denn Leute mit Empfehlung in ein Haus zu schicken, in dem sie um einige zeitgeschichtliche Ereignisse bereichert werden, ist halt etwas anderes als Leute dazu zu kriegen noch ein Accessoire oder Beauty-Produkt zum besseren Pimpen der Individualität anzutragen. Ihr solltet übrigens in diese Sonderausstellung gehen und freitags zahlt ihr in den meisten Museen in Karlsruhe keinen Eintritt. Hint, hint, nudge, nudge.

Was mich aber wirklich interessiert ist, wie es zu dieser Entscheidung kam und wohin die Reise für das Badische Landesmuseum geht.

Bühne frei für Denise Rothdiener

Denise Rothdiener Kommunikationsmanagerin Badisches Landesmuesum
Denise Rothdiener arbeitet am BLM als Referentin für Online-Kommunikation

Einst studierte sie Germanistik, Journalistik und Kunstgeschichte in Bamberg und Pisa. Begeistert von lebenslangem Lernen absolviert sie derzeit noch ein postgraduales Studium in Kulturmanagement. Ihr beruflicher Weg führte sie nach Karlsruhe, wo sie für das ZKM, die Stadtverwaltung und das KIT tätig war. Denise empfiehlt #Waldschwarzschön, #VinzenzOnTour, im Mai das liebreizende #schmuseum und immer wieder #DigSMus.

2016 – Was nach Peters Beratung geschah

Die Entscheidung, das Haus zu öffnen und auch in den digitalen Raum zu erweitern, fiel vor meiner Zeit am Badischen Landesmuseum. Der neue Direktor Prof. Dr. Eckart Köhne hatte 2014 einen Paradigmenwechsel des Hauses initiiert.

In den traditionellen Kulturbetrieben ist die Erkenntnis, dass man dieses ganze social media-Dings nicht mal so nebenbei machen kann, nur langsam gewachsen. Mit fortschreitender Ausdifferenzierung der sozialen Medien und Plattformen kamen die Abteilungen für „Presse und Marketing“ zwangsläufig an Kapazitätsgrenzen. In den öffentlichen Verwaltungen reifte das Bewusstsein hingegen nur langsam, eigene Stellen für digitale Kommunikation zu schaffen.

So oder so ähnlich könnte die Historie sein, die dazu führte, dass ich im Juni 2016 in einem Bewerbungsgespräch saß mit angeblich gemeinen Peter-Fragen, an die ich mich nicht mehr erinnere. (Oder waren sie so gemein, dass sie gar nicht erst gestellt wurden?)

Die Stellenausschreibung und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Ich war durch die Presse bereits mit dem Museumskonzept von Eckart Köhne vertraut. Mir war klar, dass es ein spannendes Unterfangen werden würde, diesen Wandel mitzugehen, digital zu begleiten und voranzutreiben. Das den Kuratoren zugeschriebene Herzblut für ihre Exponate fließt bei mir vermutlich durch ein Glasfaserkabel, immer on und verbunden mit unseren (potentiellen) Usern.

Das Badische Landesmuseum wird social

Die Wahrheit ist: Museen ranken oft irgendwo zwischen „langweiliges, altes Gebäude, in das meine Lehrer mich zwangen zu gehen, um was zu lernen“ und „elitäre Gebilde für Intellektuelle, für the happy few“. Im digitalen Raum können wir mit diesen Vorstellungen brechen, neue Angebote machen, zeigen, wie cool wir eigentlich sind und dass wir an unseren Besucherinnen und Besuchern, Nutzerinnen und Nutzern und deren Meinung interessiert sind. Denn wir machen ja unsere Ausstellungen nicht für uns – auch wenn’s uns zugegeben echt großen Spaß macht – sondern für Euch alle, die Ihr beispielsweise diesen Text gerade lest.

Die digitale Strategie des Badischen Landesmuseums, jedes Objekt potentiell den Besuchern zugänglich zu machen, ist ein ur-demokratisches. Die Exponate der Sammlungen gehören dem Museum ja nicht, sie gehören uns allen – den Bürgerinnen und Bürgern. Eine stärkere Präsenz im digitalen Raum ist dabei in doppelter Hinsicht folgerichtig: 1. Soziale Medien funktionieren nach demselben demokratischen Prinzip. 2. Wer nicht physisch ins Badische Landesmuseum kommen kann, kann auch online daran teilhaben.

Die Angst der Kuratoren vor dem Internet

Ich gehe nochmal zurück in der Geschichte. Früher hatten Museen und ihre Kuratoren die alleinige Deutungshoheit, die in einer Ausstellung und dem dazugehörigen Katalog erklärt wurde. Die soziale Beziehung zwischen Museum und Besucher war einseitig geprägt im Sinne eines Sender-Empfänger-Modells. Die sozialen Medien machten plötzlich eine Teilhabe der Besucher möglich und änderten auch die Anforderungen und Erwartungen der Besucher an ihr Museum. Die Besucher stellten bei facebook Fragen zu Exponaten, wollten Selfies in der Ausstellung machen – etwa mit stolz geschwellter Brust zeigen „Mein Kumpel Karl Wilhelm und ich“.

Viele Kuratoren wollen die Exponate beschützen – konservatorisch (zweifelsohne eine wichtige Aufgabe), aber auch semantisch. Niemand soll das Werk fotografieren und es im Internet verteilen – weiß man doch nicht, was damit passieren könnte, ob das Werk eine Umdeutung erfährt oder gar in Verruf gerät. Aber die Rezeption der Werke lässt sich nicht aufhalten und geht längst ihre eigenen Wege. Allen Beschützern und Bewahrern zum Trotz finden sich bei Pinterest beispielsweise trotzdem hunderte Pins von Besuchern zu einem Werk und darunter niemand, der dem Werk etwas Böses will. Im Gegenteil: Alle sind so stolz darauf, es leibhaftig gesehen zu haben, dass sie diesen Moment teilen.

Bei aller Sorge sowie berechtigten Fragen um rechtliche Rahmenbedingungen (v.a. Gemeinfreiheit, Nachnutzungsrechte), die es zu klären gilt und die uns sicher noch lange beschäftigen werden: Ich bin mir sicher, die Aura des Originals wird nie verloren gehen. Ein Online-Katalog ist ein Zusatzangebot, er ersetzt niemals den Moment des leibhaftigen Gegenübertretens und des Gewahrseins, dass zwischen mir und dieser antiken Statue zweitausend Jahre Geschichte liegen und mich davon maximal eine Glasscheibe trennt. Vielleicht wollen Menschen sich nach dem Museumsbesuch ihr Lieblingsobjekt auf Bettwäsche drucken, um das Objekt immer ganz nah bei sich zu haben (z.B. MGK macht‘s möglich). Ist das falsch oder weniger wertvoll? Und ist der aktuelle FaceApp-Hype, der in Werke eingreift, verwerflich, wenn er die Auseinandersetzung mit Kultur fördert?

Nutzer haben unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen und Zugänge. Nicht alle eint die wissenschaftliche Herangehensweise und wir sollten aufhören so zu tun, als wäre dies der einzig „richtige“ Zugang. Viele Museen ermöglichen bereits das digitale Schlendern durch die Sammlungen ganz im Sinne von Inhome-Entertainment. Die Nutzer können nicht nur nüchtern nach Datierung, Künstler, Fundort o.ä. filtern, sondern zum Beispiel wie im Cooper Hewitt Museum New York auch nach Farben. Warum sollte dieser spielerische Zugang weniger richtig sein?

Hier findet ihr noch ein paar tolle Beispiele für Online-Sammlungen:

Faustkeil meets iPhone

Ab Herbst 2018 wollen wir beides miteinander verbinden – die digitale Erfahrung und das reale Erleben. Unsere Testfläche wird die Ur-und Frühgeschichte sein, aktuell geschlossen, weil hinter den Türen getüftelt und umgebaut wird. Da die Digitalisierung und Content-Erstellung zu den Exponaten sehr zeitaufwendig ist (wir zeigen rund 13.000 Objekte im Schloss, nahezu 450.000 Exponate befinden sich in den Depots!) kann dies nur schrittweise erfolgen. Aber wir vertrauen darauf, dass die digitale Entwicklung ebenso fortschreitet und sich verstetigt wie wir es aus der Ur-und Frühgeschichte kennen: Werkzeuge bauen, Feuer machen, sesshaft werden.

In der Expothek (angelehnt an die Bibliothek) können die Nutzer sich (fast) jedes Objekt bestellen und von Explainern an Arbeitstische bringen lassen – bei besonderes fragilen Objekten gibt es Einschränkungen (klar, schließlich müssen wir die Objekte auch für die Zukunft bewahren). Die Eintrittskarte wird künftig durch einen Nutzerausweis ersetzt werden, der ein individualisiertes Besuchserlebnis ermöglicht, die digitale User-journey abbildet und auch die Nachbereitung des Besuchs zuhause möglich macht. Ein weiteres Feature in unserem Pilot Ur-und Frühgeschichte wird ein serious game sein, an dem wir derzeit im Rahmen von code for culture basteln. Aber da das ja ein Sternchenthema von Peter ist, schlage ich vor, wir unterhalten uns zu einem späteren Zeitpunkt nochmal über das Thema Gaming im Museum.

„…und sie hüllten sich in seltsame Gewänder und irrten ziellos umher…“ – alternatives Bibelzitat

Das Blogger-Event #ramseslebt am 8.4.17 war unser erstes Social Event. Es war eine wundervolle bunte Gruppe und wir sind begeistert von den verschiedenen Perspektiven auf die Ausstellung „Ramses“. Danke!

Mehr Peter-Content? Mehr Peter-Content!

Und weil ihr den Text brav zu Ende gelesen habt, noch ein bisschen Mr. Jones.

via GIPHY

P.s.: Hoffentlich schnappen sie die Saftnase, die das Diadem aus dem Haus geklaut hat.

Alle Beiträge von Peter

Unsere meistgelesenen Beiträge

Zwei Jahre Chromebook: Ein Erfahrungsbericht

Google Chromebook
|
Gute 25 Jahre PC-Nutzung - von Anfang an mit Windows. Dann raucht im wahrsten Sinne des Wortes mein teures und gar nicht so altes Lenovo-Notebook ab. Und ich bestelle mir einfach ein Chromebook und bin schneller weg aus der Windows-Welt, als ich es für möglich gehalten hätte. Zwei Jahre ist das nun her - und ich habe zwischendurch immer wieder über meine Erfahrungen mit dem Chromebook berichtet.