netzstrategen goes SXSW – Unser Erlebnisbericht

Was haben wir uns über die Einladung gefreut, Teil einer Deutschen Delegation auf einer der größten Digitalkonferenzen zu sein und fast eine Woche lang Impulse zur Digitalisierung auf der SXSW (South by Southwest) in Austin (Texas, USA) zu sammeln – und mit Vorträgen und Panel-Gesprächen etwas dazu beizutragen. Hier wollen wir regelmäßig von unseren Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen berichten.

War natürlich keine Frage, als wir gefragt wurden, ob wir dabei sein wollen – los, los, los! Und da ich ja einige Jahre in den USA gelebt habe und dort nach wie vor Beziehungen pflege, fiel das Los auf mich (*freu!). Die Reise verbinde ich daher neben Terminen mit neuen und alten, deutschen und internationalen Kontakten in Austin, Texas – wo die Konferenz stattfindet – noch mit Besuchen in Atlanta und New York. Auch hier stehen digitale Innovationen und deren Auswirkungen auf Organisationen im Mittelpunkt.

Es lohnt sich also, uns zu folgen und regelmäßig reinzuschauen – egal ob über Facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp und/oder – ganz neu – SnapChat (Nutzername: netzstrategen).

Weiter unten sind die älteren Beiträge…

Dienstag, 15. März 2016 – 6. Tag –

So – Abschluss und Ende Gelände. Heute ging es mit dem Flieger über Atlanta nach New York City, um in den nächsten beiden Tagen hier noch einmal ein paar Eindrücke zu sammeln. Aber für ein kurzes Resümee der SXSW muss natürlich Zeit sein.

Meine inhaltlichen Schlüsse habe ich hier in unserer Quintessenz zusammengefasst.

Montag, 14. März 2016 – 5. Tag –

1230–1330 Uhr Panel – State of Tech & Media

SXSW Panel State of Tech & Media

In dem Panel geht es darum, wie sich Technologie und Medien aktuell verändern. Und dazu wurden drei sehr unterschiedliche Leute für die Diskussion eingeladen. Am bekanntesten ist Pete Cashmore, CEO von Mashable, Billy Parks von einem Content Marketing-Netzwerk und Joanna Franco, die selbst einen Reise-Video-Blog betreibt und sich selbst “Influencer” nennt. Lucas Shaw von Bloomberg moderiert das Panel.

Mashable konzentriert sich aktuell voll auf sein TV Studie und produziert Video-Inhalte nur für Digital. Inhalte sind sehr unterschiedlich und sie werden auf allen Online-Plattformen laufen wie YouTube, Facebook, Mashable selbst und auch Snapchat. Das Studio von Mashable ist nun ein Jahr alt und die schnellsten wachsende Einheit bei Mashable. Video wird von Nutzern geliebt, weil man die Inhalte schnell versteht und begreift.

Mashable verfügt über einen eigenen Analyse-Algorithmus “Velocity”, der vorhersieht was im Web passieren wird. Er analysiert ständig 200 Mio. URLs an, fasst zusammen, was gerade im Netz diskutiert wird und sagt laut Cashmore mit 83% Themen und Trends voraus. Der interne Produktions-Prozess sieht vor, dass man über Velocity Themen entdeckt, einen Artikel dazu auf Mashable veröffentlicht und wenn dieser Reichweite gewinnt wird dazu ein Video-Pilot produziert. Ist dieser ebenfalls ein Hit wird mehr daraus gemacht. Ein Beispiel dafür ist die Serie Scamalot.

Zentral ist es, dass die Inhalte auf verschiedenen Plattformen ausgespielt werden. Kein Inhalt läuft nur auf einer Seite, sondern wird auf allen Plattformen eingestellt. Sonst erreicht man zu wenige Menschen, da die Aufmerksamkeit extrem fragmentiert.

Junge Leute bilden einfach ihre ganz eigenen Netzwerke über alle Plattformen hinweg ohne klare Strukturen und die Beziehungen zwischen den Marken, Publishers und Nutzern fühlen sich wie Freundschaften an. Von daher muss sich auch Unterhaltung immer mehr wie Freundschaft anfühlen. Augenhöhe und Respekt sind zentrale, weil immer mehr unterhaltende Inhalte produzieren – und mit denen steht man im Wettbewerb und muss sich dagegen durchsetzen. Dann wird der Inhalt auch weiter geteilt in die Freundes-Netzwerke hinein. Der Inhalt ist das einzige, was die Community und die Aufmerksamkeit zusammenhält.

Die Inhalte müssen sich so anfühlen wie das Medium, in dem man sich aufhält und als ob ein Freund ihn erstellt hat. – Pete Cashmore

Große “Franchises” wie Star Wars funktionieren gut, weil die Menschen starke Beziehungen zu den Marken haben und die auf allen Plattformen nachgefragt werden. Diese Marken sind immer noch Anhaltspunkte im Web und geben Orientierung. Von daher ist es auch für Mashable wichtig, mit den Marken zusammen zu arbeiten, weil auch Mashable dann von der Marken-Bekanntheit und -Reichweite profitieren.

Kann der Inhalt immer und überall leben? Funktioniert er auf allen Plattformen? Und die Werbung lebt im Inhalt – oder ist sogar der Inhalt – und reist mit den Inhalten über alle Plattformen mit. – Billy Parks

News ist immer nur für einen bestimmten Zeitpunkt und lebt nicht lange. Vor allem Video-Inhalte bauen auf allen Plattformen Longtails auf und erhöhen die Reichweite. News sind weniger wichtig – außer die Marke hat eine entsprechende Beziehung zum Nutzer.

Influencer müssen das Publikum befriedigen, die Marken, die alles bezahlen und sich selbst. Und man muss sehr bewusst entscheiden, ob alle drei Ebenen befriedigt werden. Man überlegt also immer, ob die Werbung denn zur eigenen Marke und zum Publikum passen. Die Nutzer geben sehr viel Feedback auch zur Werbung, was ein Kompass für die Auswahl der Sponsoren sein kann.

Die aktuelle Form der Werbung, die notwendig ist, skaliert nicht gut. – Billy Parks

Alle Inhalte und Aktionen werden von den Werbekunden getestet und man beobachtet genau, ob über die Kampagnen positive Nutzer-Interaktionen entstehen und die Werbekunden tiefer in die Inhalte integrieren.

Snapchat geht einen anderen Weg als Pre-Roll. Werbung wird hier deutlich disruptiver eingebunden; z.B. in den Layovern in den Videos und werden daraus ein untrennbarer Teil vom Inhalt, der auch vom Nutzer erstellt wird.

Snapchat wird das nächste Große TV-Unternehmen mit der Discover-Funktion. – Billy Parks

Bis hier hin war der Talk auch echt super; danach wurde es dann recht schwach und ein wenig „blablabla“ und Selbstbeweihräucherung. Von daher auf in die nächsten Sessions…

…die dann aber leider auch so langweilig waren, dass es sich nicht wirklich gelohnt hat, drin zu bleiben. Da habe ich dann lieber noch ein bisschen die Stadt angeschaut, Geschenke für die Kids gekauft und gute Gespräche in einer der vielen Bars geführt. War sehr einsichtsreich.

Sonntag, 13. März 2016 – 4. Tag –

Ooookay. Harte Party gestern mit guten Leuten im #Germanhaus. Viel Gelacht und vielen Dank an die Leute vom bw-i für die vielen, vielen Getränkebons… Jetzt mit Kaffee und Frühstück im Bauch ist der Kopf wieder so weit klar, dass ich zur Halbzeit ein wenig resümieren kann: Was hab ich bisher mitgenommen aus den Sessions, Panels und Gesprächen?

Talent, Talent, Talent

Alle sind sich einig, das es vor allem um die Menschen geht, die für das Unternehmen arbeiten. Mit ihnen beginnt und endet, steht und fällt alles. So konsequent habe ich das noch auf keiner Tech-Konferenz gehört. Und dabei wird der gesamte „Lebenszyklus“ betrachtet:

  • Attracting – Also neue, talentierte Leute anziehen
  • Hiring – Die neuen Leute auch erfolgreich einstellen
  • Onboarding – Sie ordentlich und mit Bedacht ins Unternehmen einführen
  • Training – Ihnen Möglichkeiten bieten, sich Fähigkeiten anzueignen und zu verbessern
  • Developing – Ihren Horizont erweitern, Verantwortung und Herausforderungen geben, sie persönlich „wachsen lassen“
  • Letting go – Sie auch durchaus einmal an ein anderes Unternehmen zu verlieren – was oft auch als Vorteil gesehen wird
  • Re-hiring – Man trifft sich immer zwei Mal; und ehemalige Leute wieder einzustellen ist eine riesige Chance
  • In dem Zusammenhang spielte auch immer wieder das Thema „Diversity“ – also Vielfalt – eine Rolle. Es wird als riesige Chance gesehen, Menschen unterschiedlicher Geschlechter, Nationalität, Alter und Interessen zusammen arbeiten zu lassen. Darauf wird sehr bewusst geachtet.

    Client first

    Wenn es dann ums Geschäft geht, bin ich auch beeindruckt, wie konsequent immer zuerst an den Kunden gedacht wird. Auch in den Werbemodellen wird immer der Nutzer in den Mittelpunkt gestellt und der Werbekunde entsprechend erzogen. Ja, einfach ist das nicht – da ist man sich einig – aber nur so kann man den Kampf gegen die traditionellen Medien gewinnen. Da muss der Werbekunde sich ebenfalls anpassen.

    Nur so bekommt eine Marke loyale und markentreue Nutzer, die immer wieder und gerne kommen, die die Reichweite schaffen, die die Werbekunden sich wünschen und mit denen es überhaupt eine Chance auf einen Abo-Abschluss gibt.

    Wie schon geschrieben, wird im Retail der Kunde ja schon gar nicht mehr Kunde genannt, sondern „Supporter“ oder „Guest“. Dort überspringt man in der Denkweise bereits das Thema Marke und geht direkt auf den Lebensstil der Kunden und deren Erlebnisse mit den Produkten ein.

    Noch scheint diese Denke ein Phänomen der modernen und jungen Unternehmen zu sein. In Gesprächen zwischen den Sessions konnte ich mit Leuten von GAP, Old Navy und verschiedenen US-Verlagen sprechen. Da laufen die Dinge dann doch eher so wie ich es aus Deutschland kenne…

    Trends

    Themen, die sich hier in meiner Wahrnehmung als Trend manifestieren sind folgende:

  • Snapchat – Noch ein sehr junges Thema aber alle, ALLE sprechen darüber
  • Virtual Reality – Hier passiert echt etwas, aber die Richtung ist noch total unklar
  • Kennzahlen – Wer interagiert wann mit was und wie kann man es steuern und verbessern
  • Content – Wie erstellt man Inhalte, die die Leute lieben
  • Service – Welche neuen Dienstleistungen können abheben so wie Uber oder Lyft
  • Als gehypt würde ich gerade mal noch bezeichnen

  • Wearables – Da habe ich jetzt hier einfach nichts Neues und Überzeugendes gesehen
  • Robotic – Was hier gezeigt wird ist eher Spielzeug als mehrwertig
  • Künstliche Intelligenz – Das ist ebenfalls eher in den Kinderschuhen scheint mir
  • Aber zu genau diesen Themen habe ich heute einige Sessions; vielleicht ändere ich meine Meinung ja noch einmal…

    1230–1330 Uhr Hiroshi Ishiguro – Androids and Future Life

    SXSW Session Androids and the future of life

    Das war nun eher harter Tobak. Zum einen war das Englisch leider sehr schlecht zu verstehen – und zum anderen das Thema sehr wissenschaftlich und philosophisch. Was ist ein Herz? Was ein Verstand? Hat ein Roboter eine Identität, ein Bewusstsein und Emotionen?

    Trotzdem war es aufgrund seines Humors durchaus unterhaltsam. Den Roboter hat er eigentlich nur erfunden, damit er Vorträge für ihn halten kann. Es ist günstiger, ihn zu den Vorträgen zu schicken und da man ihn anfassen kann ist er auch viel interessanter.

    SXSW Gemonoid HI-1 Android Prototype

    Er schätzt, dass es in 3-5 Jahren eine robotische Gesellschaft gibt, in der wir mit Humanoiden interagieren werden. Sehr stark, wie in I, Robot. Doch warum sollte man menschenähnliche Roboter schaffen?

    Weil Menschen Menschen erkennen. Menschen sind die idealen „Schnittstellen“ für Menschen. – Hiroshi Ishiguro

    Seiner Meinung nach fehlen allerdings noch deutlich bessere Bild- und Spracherkennungstechnologien, um die Interaktionen mit dem Roboter zu perfektionieren. Hat man mehrere Roboter stabilisiert dies die Unterhaltung stark. Die beiden Roboter kommunizieren miteinander direkt und technisch ohne Spracherkennung.

    Mögliche Einsatzgebiete sieht er in interaktiven Schaufensterpuppen oder auch als Berater in einem Ladengeschäft, der dort aufgestellte PCs ersetzen kann. Etwas weiter gefasst, zeige er auch Beispiele für Androiden, die TV-Hosts und Popstars ersetzen oder öffentliche Personen “unsterblich” machen, indem deren Verhaltensweisen und Bewegungen in einer Art interaktiven Puppe gespeichert werden.

    Er zeigt auch, dass es mittlerweile Möglichkeiten gibt, wie Menschen mit ihren Gehirnströmen eine Androiden steuern können – was für Menschen mit Behinderungen eine große Freiheit bedeuten kann. Dies funktioniert auf einer sehr simplen Ebene bereits mit Elektroden in einer Kopfhaube, die es einer Person ermöglichen so den Roboter zu steuern.

    Zuletzt zeige er Puppen, die ähnlich wie Kleinkinder aufgebaut sind und mit alten Menschen in Seniorenheimen interagieren, mit ihnen sprechen und die dann auch in einer Kinderstimme auf einfache Fragen Antworten geben. Er zeige auch ein Puppenkissen, in das man sein Telefon steckt und so telefoniert, während man die Puppe umarmt oder mit ihr “kuschelt” – und offenbar schafft das sogar positive, physische Effekte, die messbar sind.

    Bis 2020 will er Roboter mit Wünschen, Verlangen und Absichten entwickeln. Das Konzept dazu hat er bereits entwickelt und zeigt ein beeindruckendes Video eines Androiden, der ein sehr natürliches und spontanes Gespräch mit einem Menschen führt, das positive wie negative Emotionen und Entscheidungen des Androiden zeigt. Puh. Das war krass! Hier ein anderes Video Video des gleichen Roboters – allerdings sechs Monate Entwicklungs-Rückstand zu dem, was er heute hier zeigte.

    Am Ende fand noch eine philosophische Diskussion zwischen den Robotern auf der Bühne statt, die zeigte, wie reflektiert diese bereits über ihr Dasein “denken”.

    “Haben wir Gefühle?“
    “Ich weiß nicht, ob ich Gefühle habe. Aber das ist bei Menschen das gleiche. Die könne auch nicht beweisen, dass sie Gefühle haben.“

    1400–1500 Panel – Developing News Leadership for the new normal

    SXSW Panel New Leadership for News

    Leider ein eher langweiliges Panel. Die Leute haben einfach nur Geschichten von Situationen im Newsroom ausgetauscht und ein wenig darauf eingegangen, was man daraus lernen konnte. Kein Micro-Management, Offenheit und Transparenz, Demut, Flexibilität… und alle paar Minuten wurde ein kurzer Poll im Publikum gemacht. Naja. Auf zur nächsten Runde…

    1530–1630 Uhr Panel – Acquiring Subscribers in a Digital World

    SXSW Driving Subscriptions

    Volles Haus für Gwen Throckmorton von Facebook (Head of Industry, Entertainment) und Mat Yurow von der New York Times (Director Audience Development) zum Thema „Skip the Sale“ – lasst den Verkauf weg. Das ist je bereits verheißungsvoll und reiht sich ein mit den gehörten Vorträgen zu dem Thema der letzten Tage, die in die gleiche Kerbe schlugen.

    Gwen beginnt die Session mit einem kurzen Vortrag von ihrer Seite aus, wie die Zusammenarbeit der NYT und Facebook funktioniert. Die initialen Fragen ihrer Kunden sind immer die gleichen:

  • Wie kann man Abos durch bessere Inhalte hinbekommen?
  • Wie schafft man eine Balance aus kostenlosen und kostenpflichtigen Inhalten?
  • Wie macht man sich dabei nicht die Marke und die Preise kaputt?
  • Sie sagt, wir sind im goldenen Zeitalter der Inhalte und mobil treibt diese Entwicklung. Das belegt sie mit ein paar selbst erhobenen Zahlen: Durchschnittlich wird das Telefon 30 Mal am Tag in die Hand genommen; Jugendliche machen das sogar 157 Mal. Jeden Tag werden mehr Telefone genutzt als Menschen auf der Welt geboren. 78% der Zeit am Tag haben Menschen ihr Telefon um sich. 83% der mobilen Zeit wird in Apps verwendet und beim durchschnittlichen Nutzer in nur fünf Apps.

    Dadurch werden immer mehr Inhalte geschaffen – dabei gibt es aber weiterhin nur 24 Stunden am Tag, in der wir Medien konsumieren können. So ist zum Beispiel die Video-Nutzung auf Facebook komplett explodiert: Zu jeder Zeit könnte Facebook 1.500 Inhalte an die Nutzer ausliefern. Canvas und Carousel-Formate haben dabei die besten Klickraten. Die Leute wollen ein gutes Erlebnis im Feed, aber aber ohne diesen zu verlassen. 100 Millionen Stunden Video werden am Tag auf Facebook angeschaut. Tendenz steigend.

    Brutto bräuchten wir nun eigentlich 31 Stunden am Tag, um alles unterzubekommen. Der Konsument oder Nutzer muss also ständig Entscheidungen treffen, mit was er sich gerade beschäftigen möchte.

    Daraus leitet sie ab, dass das Abogeschäft eigentlich ein Beziehungsgeschäft ist und beschreibt drei Grundsätze, mit denen man dies auch umsetzen kann.

    Es gibt keine Nutzer; es sind alles Menschen.

    Man sollte also weniger über Klicks nachdenken, sondern über die Cookies, die man von den Personen hat, mit denen man interagiert. So können die Menschen wieder die Macht zurückbekommen.

    Nutzer-Engagement ist essentiell

    Der Nutzer wünscht sich personalisierte Inhalte und Marketing – und auf dem Telefon ist dieses am besten herzustellen: Es macht möglich, dass man einzelne Personen in sehr individualisierten Gesprächen für sich gewinnt. ESPN hat z.B. für eine Kampagne mit vier Sparten und über 30 Zielgruppen jeweils eigene Werbemittel entwickelt

    Wenn man den Nutzer kennt, dann sollte alles relevant sein

    Was wir selbst nicht wissen aber durch Testen und Lernen herausfinden können: Was ist den Leuten wichtig? Was schafft Engagement? Was lässt Menschen abonnieren? Wenn man das weiß, dann kann man auch das Marketing-Budget „umdrehen“ und das Marketing nach Performance aufbauen und nicht nach festen Budgets.

    Danach wurde der Staffelstab an Mat übergeben. Er stellt zunächst dar, dass man in der echten Welt viel Energie mit der Print-Logistik verbrachte und sich im Netz darauf verlassen hat, dass die Nutzer schon zu den Websites kommen werden. Aber das hat sich mit der Zeit stark verändert, der Startseiten-Traffic ist eingebrochen und man muss viel dafür tun, damit Leute durch die „Hintertüren“ – also über z.B. soziale Kanäle – auf Artikelseiten einsteigen.

    Aktuell hat die NYT mehr mobilen als stationären Traffic und davon kommt das meiste aus Apps wie Twitter, Facebook, Snapchat oder den eigenen Apps. In denen gibt es Feeds, die permanent laufen und alle Inhalte in eine Reihe werfen. Jede Interaktion mit den Inhalten in der App sollte jede weitere Interaktion positiv beeinflussen – zumindest ist das die Erwartung des Nutzers.

    Die NYT hat daraus die Bedürfnisse der Personen analysiert und Thesen dazu aufgestellt. Was braucht ein Mensch – im Tagesverlauf? Im Wochenverlauf? Im Monats- und Jahresverlauf? Die Kern-Kennzahl ist dabei “Aktive Tage” von Nutzern – also wie viele Tage im Monat sie in den Produkten der NYT aktiv sind.

    90% des Umsatz kommt von 12% der Nutzer bei der New York Times. – Mat Yurow

    Ursprung aller Anstrengungen war die Forderung der Geschäftsführung, die digitalen Erlöse in fünf Jahren zu verdoppeln. Die generelle Idee ist, dass unter diesem Ziel die Abteilungen eigene Ziele und Kennzahlen entwickeln, für die dann Thesen entwickelt werden, wie diese erreicht werden können. Diese Maßnahmen werden dann dem Management vorstellt und eine Umsetzung entschieden. Die Umsetzung und die Entwicklung der Maßnahmen werden genau beobachtet und ggf. auch beendet, wenn sich kein Erfolg einstellt.

    Am Ende war die wichtigste KPI „aktiven Tage“, die eine direkter Verbindung zu den Abschlüssen von Abonnements bedeuteten. – Mat Yurow

    Testen der Bezahl-Produkte ist dabei ein essentieller Teil, um die Nutzer an die Angebote der Times heranzuführen. NYT hat dafür einen Onboarding-Prozess für neue Nutzer entwickelt. Die Nutzer werden auf ganz bestimmte Funktionen, Angebote und Inhalte hingewiesen und die Vorteile des kostenpflichtigen Abonnements aufgezeigt.

    Rabatte und Angebote werden immer nur bestimmten Segmenten gezeigt und die Nutzer sukzessive auf den echten Preis hingeführt. Man muss die Nutzer bzw. Indikatoren identifizieren, die auf die Bereitschaft hindeuten, den vollen Preis zahlen zu wollen. Die Segmentierung der NYT entwickelt sich sukzessive in die Richtung eines 1:1-Marketings auf verschiedenen Kanälen, um den Nutzern immer das richtige Angebot zu machen, das in dem Augenblick die höchsten Abschlussraten hat. Auch das „Metered Model“ wird nur als kostenloser Test gesehen. Das volle NYT-Erlebnis gibt es nur, wenn man auch bezahlt.

    Mit Facebook kann die Times die Nutzer noch besser identifizieren und profilieren als mit den Daten der eigenen Seite. Der Austausch von Cookies und Kunden-Adresse zwischen der Times und Facebook ist sehr intensiv und die Nutzer werden in Echtzeit auf beiden Plattformen angesprochen.

    Der wichtigste neue Trend ist “Attribution”, bei dem man den Nutzer über alle Kanäle und Endgeräte getrackt, verstanden und mit passenden Inhalte versorgen hat. Ziel dieses Vorgehens ist, dass die Marketing-Budgets immer besser eingesetzt werden können. Hier will die NYT weg vom “last cookie”-Prinzip und hin zu einer kompletten „Customer Journey“ vom ersten Kontakt bis zum Abschluss über alle Berührungspunkte hinweg.

    Die NYT testet aktuell viele Virtual Reality-Formate und überlegt, welche journalistischen Themen dafür geeignet sind. Hier muss ausgewählt werden, was man klassisch und konventionell erzählt und was sich für 360°-Video oder sogar virtuelle Realität mit interaktive Elemente eignet.

    Die Werbekunden müssen in dem Zug ebenfalls “umerzogen” werden. Sie müssen verstehen, wie sich heute der Traffic einer Nachrichtenseite aufbaut und dass die Startseite nicht der einzige Platz ist, an dem man mit den Nutzern arbeiten kann. Auch für die Werbekunden werden die gesammelten Cookies verwendet, onsite wie offsite, und das Audience Development Department arbeitet hier auch der Vermarktung zu.

    Zum Abschluss dieser echt heftigen Session, die bisher die inhaltsreichste war, gab es von beiden noch Tipps zur Umsetzung:

    Baue Hypothesen auf, teste sie, lasse sie größer werden, lasse die Sachen schnell wieder, die nicht funktionieren. – Mat Yurow

    Nutzer sind Menschen
    Man muss eine Beziehung aufbauen
    Man muss verstehen, was von den Maßnahmen funktioniert
    Gwen Throckmorton

    Samstag, 12. März 2016 – 3. Tag –

    Hmmm. Das Essen gestern Abend im Fogo de Chao war super lecker. Da kamen einfach Männer mit gegrilltem Fleisch an den Tisch und haben einem abgeschnitten, was man essen wollte. Für Kollege Timo sollte das der Himmel sein! Auch die Heimfahrt mit Uber hat geklappt und dann war schlafen einfach schön.

    Heute Morgen dann aufstehen mit Sonnenschein, nachdem es gestern schon teilweise stark geregnet hat – und dann natürlich gleich die Chance genutzt und mit dem Cruiser die vier Kilometer von Dharam & Greg’s Haus in die Stadt gerollt, Kaffee getrunken – und nun geht es auch schon wieder los…

    Best way to get around in #austin on a sunny #sxsw morning! #sxsw2016 #netzgoessxsw

    Ein von netzstrategen GmbH (@netzstrategen) gepostetes Video am

    930–1030 Uhr Panel – „Get your readers to pay money“

    SXSW Panel Getting Readers to Pay

    Leute von Slate, The Guarian, Midroll Media und Gimlet Media diskutieren auf dem Podium die eingeschlagenen Strategien, um Nutzererlöse zu gewinnen und steigern.

    Die Strategie von Slate war bei der Einführung, dass alles bestehende kostenlos bleibt und alles neue hinter die Paywall kam. Aber man bewegt sich in einem engen Raum damit, da man relevante Reichweiten für die Vermarktung hat und viele direkter Wettbewerber kostenlose Angebote haben. Aus ihrer Sichtweise geht es nicht ohne auch kostenlose Inhalte.

    Der Guardian hat schon immer den Leser im Mittelpunkt und will für die Menschen grandiose Inhalte zu relevanten Themen erstellen. Und das wollen sie weiter optimieren und verbessern – vor allem sollen die Leser einbezogen werden und sie sollen mit den Inhalten stärker interagieren. Das ist beim Guardian der erste Schritt vor dem zweiten, in dem dann der Inhalt im Mittelpunkt stehen soll – ähnlich wie bei der New York Times. Aus Sicht des Guardians müssen die Leser einfach für die Inhalte bezahlen wollen, weil sie nicht wollen, dass die Journalisten aufhören zu schreiben. Ein essentieller Teil der Strategie des Guardians ist auch, dass Leute das Gefühl bekommen, Teil von etwas zu sein.

    Gimlet fährt dabei eher eine Community-Strategie. Abonnenten erhalten ein tolles und exklusives T-Shirt beim Abschluss, bekommen exklusive Tickets und Erlebnisse. Er sagt, dass man eigentlich die Marke abonnieren muss. Offenbar hat NPR (ein US Radiosender) eine Wandlungsrate von 10% in ein Supporter-Programm, für das die Nutzer bezahlen – aber eigentlich nichts „extra“ dafür bekommen. Sie unterstützen einfach ein Media-Outlet, dass sie viel nutzen, lieben und unterstützen möchten.

    10% zahlende Nutzer ist scheinbar die allgemeine Benchmark auf den Seiten – allerdings gibt es viele Gaming-Seite, die für ebenfalls exklusive Erlebnisse deutlich höhere Abo-Raten bzw. kostenpflichtige Mitgliedschaften haben.

    Slate versucht nun auch eine Online-Akademie aufzubauen um Menschen tiefer über Sachverhalte aufzuklären, mit echtem, tiefen und relevantem, einzigartigem Content. Das erste Beispiel dafür ist die komplette Aufklärung über die Sklaverei in den Vereinigten Staaten.

    Eine große Chance von Paid Content ist, dass man für die Monetarisierung keine hunderttausenden von zahlenden Nutzern braucht; einige wenige genügen (1.000–10.000), um daraus einen Deckungsbeitrag zu entwickeln. Vielleicht sollte man also doch eher wie über Sonderthemen darüber nachdenken und kleine Nischen abdecken, in denen Nutzer sind, die bereit sind, etwas zu bezahlen. Es ist einfacher, hier auch einmal etwas Verrücktes zu machen und Dinge anders angehen als man es in der Linie machen muss.

    Die zahlenden Nutzer liefern ca. 1% der Page Impressions und sind ein noch kleinerer Teil der Nutzer. Daher ist es kein Problem, diesen Nutzern keine Werbung auszuliefern; sie machen wenig Reichweite aus. Die Werbekunden sehen genau dies allerdings eher kritisch, da sie hier besonders wertvolle Nutzer erwarten.

    Customer Service für zahlenden Kunden ist sehr intensiv, sehr teuer. Und die Leute haben sehr hohe Erwartungen. Für bestehende Reichweitenplattformen ist es ein großes Unterfangen, diese Organisation aufzubauen und zu tragen. Das hält viele der kostenlosen Plattformen davon ab, kostenpflichtige Dienste aufzubauen.

    17–18 Uhr Jim Bankoff – Creating the modern media company

    SXSW Talk Jim Bankoff Modern Media Company

    Jim Bankoff hat VOX Media gegründet – und hat 170 Mio. Nutzer im Monat. Angeblich ist das Unternehmen das am schnellsten wachsende Medienunternehmen der Welt. Er sagt, dass Technologie, Menschen und Kultur die Essenz sind und alles zusammen hält. Er geht tief darauf ein, dass es um Menschen geht beim Personal und bei den Nutzern. Das muss im Mittelpunkt stehen.

    Konsum alleine ist bereits eine Aussage über die Persönlichkeit – und die Medien-Marken müssen hier eine wichtige Rolle spielen. Das ist auch der Grund, warum VOX.com so viele Marken hat – weil sie sich so viel tiefer mit den Werten der Konsumenten verbinden können. Und sie sind sehr stolz darauf, dass sie mehrere Marken überhaupt skalieren lassen können.

    Vox is in the business of creating content that people love. And we are in the business of creating advertising that does not suck. Fortunately the bar is not very high on the on the internet. – Jim Bankoff

    Um bessere Werbung zu generieren wurde eine eigene Abteilung aufgebaut, die die Werbekunden „erzieht“ – aber auch unterstütze und mitnimmt – um ihnen die neuen Möglichkeiten zu erklären, wie fein man segmentieren und wie effektiv man sie erreichen kann.

    All good advertising is native advertising – Jim Bankoff

    Gute Werbung beginnt mit einer guten Geschichte – aber um gute Geschichten zu finden muss man die Daten haben und verstehen, wann Leute an welchen Themen interessiert sind. Inhalte erstellen ist sehr teuer, daher muss man sich sicher sein, dass die Inhalte, die man erstellt, auch auf der werblichen oder journalistischen Seite einen Wert haben.

    Sport ist sehr dankbar – da man genau weiß, wann was genau passiert. Und wenn man das Thema lange verfolgt hat, dann kann man oft sogar vorhersagen, wann welche Themen interessant und nachgefragt sind. Die Daten sollten informieren – aber nicht die Entscheidungen treffen. Gleiches gilt auch für die Werbung; hier kann den Werbekunden ebenfalls genau sagen, wann die Menschen welche Themen suchen und die Werbekunden dahingehend auch beraten.

    Be true to the platform -and be consistent in your tone and voice. – Jim Bankoff

    Ein Snapchat-Video funktioniert nicht auf YouTube und anders herum. Aber es gehört natürlich ein wenig Glaube dazu, dass Qualitätsinhalte Chancen haben – und dass sie auch auf Drittplattformen funktionieren und nicht auf den eigenen Plattformen. Im Augenblick spielen die Drittplattformen noch keine Rolle beim Umsatz – aber sehr bei der Markenbildung und der Nutzertreue.

    Außerdem wird auch heute mit den Marken bereits Geld über Veranstaltungen oder E-Learning verdient. Und es werden sehr schnelle Erfolge monetarisiert. Die direkte Beziehung zu den Werbekunden und Agenturen ist essentiell, um immer Chancen weitergeben zu können.

    Vox verfolgt aktuell vier Ziele:

    1. Bestehende Marken stärken, positionieren, bekannter machen
    2. Geschäftsmodell ausweiten, wachsen lassen und die Lektionen aus der Redaktion dortin umziehen
    3. Technologieplattformen ausweiten und an andere Plattformen anbinden
    4. Personalwachstum mit der Entwicklung der Kultur unter einen Hut bringen

    Außerdem werden aktuell sehr viele neue Themen ausprobiert, um die Inhalte zu distribuieren – z.B. Virtual Reality oder Facebook Instant Articles.

    The biggest challenge is to create quality content and experiences on all platforms and for all business models. – Jim Bankoff

    Im Augenblick spaltet sich die Medienbranche in zwei Lager; diejenigen, die sich der Qualität verpflichten und diejenigen, die auf Menge wert legen. Und im Bereich von Vox gehen die CPMs nach oben, die Erlöse und Umsätze, die Zufriedenheit der Werbekunden und auch die Zufriedenheit der Nutzer.

    Anders gemacht hätte er, dass er eine etwas vielfältigere Kultur geschaffen hätte. Er hätte mehr darauf geachtet, dass mehr Frauen und Nationalitäten in der Firma gewesen wären. Dies ist heute nachträglich sehr viel schwerer, da so die besten Ideen entstehen.

    Die größten Unterschiede und Entwicklungen sieht er in Amazon Echos und Messaging Bots – stark getrieben wird dies alles über die Telefone. Und dort besuchen Leute Websites viel weniger, sondern bewegen sich mehr in wenigen Apps. Diese werden die Zugänge zu digitalen Inhalten.

    Neuen Medien-Gründern rät er, zum einen nichts zu kopieren, was schon da ist. Außerdem sollte man eine Abkürzungen für die Erstellung von Qualität machen. Qualität muss im Mittelpunkt stehen.

    Organisatorisch geht Vox so vor, dass es für einzelne Plattformen wie Facebook oder Snapchat eigene Plattformen gibt. Interessanterweise nicht für Twitter, da es einfach nicht so gut ist für das „Storytelling“ und es auch kein eigenes Team dafür braucht. Aber ultimativ meint er, dass die Mitarbeiter alle Plattformen verstehen und beherrschen müssen.

    Konflikte – vor allem zwischen der Redaktion und der Vermarktung – müssen durch Runden und Prozesse geklärt werden, die man in das Unternehmen einführen muss. Er führt dabei aus, wie eng sich diese Abteilungen bei Vox abstimmen – aber auch klar getrennt sind.

    Freitag, 11. März 2016 – 2. Tag –

    Wow. Nach nur einer guten Stunde auf der Konferenz will ich nächstes Jahr schon wieder kommen. Hier spricht echt jeder mit jedem und allen. Tolle Stimmung, tolle Atmosphäre. Beim Warten auf den „Badge Pickup“ (also das Hundehalsband mit dem Namen drauf) schon einige Leute getroffen, gleich auf Instagram und Twitter vertüddelt und mit ein paar von denen nen Kaffee getrunken. Alles mögliche trifft sich hier und der Austausch ist toll. Unmöglich, in einer Schlange zu stehen (und davon gibt es unfassbar viele und für alles) ohne in ein Gespräch gezogen zu werden oder sich freundlich einmischen zu können.

    Und nach dem leckeren Breakfast Taco geht’s jetzt ab zu Ben Lerer und seinen Gedanken zur Media Theory.

    Breakfast Taco "guess the ingredients" contest. Go! #sxsw #netzgoessxsw

    Ein von netzstrategen GmbH (@netzstrategen) gepostetes Foto am

    11-12 Uhr Ben Lerer – Theory of Media evolution

    Ben Lerer at SXSW 2016

    Hm. Sehr generell, was hier erzählt wurde. Ging auch wieder im Fragmentierung der Medien; Menschen nutzen mehr und mehr Kanäle (er nennt es „pipes“) und auf den Kanälen mehr und mehr Marken und Inhalte. Er meint, dass der finale Kampf entsteht zwischen den Kanal- und Inhalte-Besitzern – eben wie immer schon… also nichts konkret Neues.

    Spannender fand ich ein paar Aussagen in Nebensätzen wie z.B.

    „Media companies need to understand what their audience cares for RIGHT NOW!“
    „Mostly it is about the moment and creating the richest experience for the user!“

    Entwicklung Mediennutzung Millenials

    Treibende Kräfte für moderne Medienunternehmen

    Content-Projekte von "Kanal-Besitzern"

    Journalismus wird also immer kleinteiliger und immer mehr „Echtzeit“ und momentgetrieben. Spannend, was das bedeutet für Recherchen und Verifizierungen, etc. Aber das scheint der junge Nachrichten-Konsument heute zu erwarten.

    Was ich vor allem mitgenommen habe ist, dass viele Dinge, die man nur so annimmt oder „empfindet“ doch echt sind und ernst genommen werden müssen, um weiterhin Relevanz zu haben. Ansonsten bestätigte er viele meiner Annahmen und Beobachtungen zur Fragmentierung der Aufmerksamkeit der Konsumenten und der steigenden Komplexität der Befriedigung dieser breiten Nachfrage-Situation.

    Der Abschluss war dann die Entwicklung, dass die neuen „Pipe-Owner“ wie Facebook und Google ihre eigenen Inhalte-Anbieter aufbauen oder einkaufen. Check – das passiert ja gerade schon…

    1230-1330 Uhr Scott Belsky – Building Great Digital Products

    Scott Belsky on stage

    Okay. Das war super! Interessanter Typ – aber vor allem massig anwendbare Gedanken und Ideen. Sieht man auch daran, dass wenige gehen und fast alle für die Fragen bleiben. Er hat prima über Produktentwicklung gesprochen und vor allem die Folien und das, was er erzählt prima abgestimmt.

    Spaß an der Produktentwicklung

    Grundsätzlich sagt er, dass das Leben Zeit ist und was wir aus ihr machen. Dann geht er auf die Zeit ein, die ein Nutzer mit einem Produkt verbringt und sagt, es gibt Produkte, die uns Zeit kosten (z.B. XBOX, Facebook, SnapChat, etc.) und andere, die uns Zeit sparen (z.B. Uber, Slack, Evernote). Und natürlich auch welche, die wir missbrauchen wie Amazon, Twitter oder Blue Apron… (höhö).

    Menschliche Tendenzen

    Für Produkte arbeitet er heraus, dass man bestimmte, grundsätzliche menschliche Tendenzen und Werte im Hinterkopf haben muss; vier davon führt er genauer aus:

    #1 – Faul, Selbstverliebt, egoistisch

    In den ersten 15 Sekunden Produkt-Kontakt sagt er müssen diese „Triebe“ adressiert werden.

    Faulheit äußert sich daran, dass Leute einfach keine Lust haben, Neues zu lernen. Und wenn es kompliziert aussieht, dann sind sie sofort wieder weg. Wenn das Onboarding schon zu hart aussieht, dann verlassen sie die Anwendung oder Angebot wieder.

    Er sagt, dass man mindestens zeigen muss, wie Dinge funktionieren anstatt es zu erklären. Und am besten ist es ohnehin, wenn Leute es einfach machen… (aber er erwähnt auch, dass die Dinge, die intuitiv aussehen auch am schwersten zu schaffe sind). Und nein, Nutzer werden die Anwendungen nicht selbst individualisieren – 90% entdecken scheinbar nicht einmal die Funktionen zur Individualisierung.

    Beispiele für solche Anwendungen sind Autocomplete-Funktionen oder vorkonfigurierte Templates – aber vor allem legte er Wert auf bessere Default und generell einen größeren Fokus auf die Vorkonfiguration von Anwendungen.

    Cooles Zitat von seinem Kollegen Dave Morin dazu: „The Devil is in the Defaults.“

    Außerdem sagt er, dass die Produkte den Konsumenten bzw. Nutzer schnell „gut aussehen lassen müssen“ – Thema Selbstverliebt. Die Kern-KPI ist für ihn die „gespürte Liebe“, die der Nutzer spürt, wenn er die Anwendung nutzt.

    Beispiel sind die Herzen auf Instagram, die man für Beiträge sammelt. Das baut die Beziehung auf und man will die Anwendung nicht mehr missen, weil man sich in ihr geliebt fühlt, so Belsky. Diesen Aspekt der Anwendung müssen die Konsumenten schnell verstehen und wissen, wie sie dieses Spiel spielen.

    Und zuletzt erwähnte er das Thema Egoismus. Alles sollte sich erst einmal um den Nutzer selbst drehen und nicht darum, was er tun muss, um die Firma dahinter zu beflügeln – das scheinen Konsumenten immer mit Argwohn zu betrachten: „Machen die das für mich oder für sich?“

    Bevor bei Pinterest die Themen der gemeinsamen Boards hochkamen, die für Pinterest super waren, sollten die Nutzer erst einmal für sich selbst bookmarken. So hat Pinterest laut Belsky andere Startups abgehängt, die gleich den Nutzer für die öffentliche Content-Kuration einsetzen wollten.

    „Community comes second, user comes first.“

    #2 – Keine falschen Entscheiden treffen – wenn überhaupt eine Entscheidung

    Je mehr Entscheidungen man in einer Anwendung treffen muss, desto mehr Probleme hat der Nutzer. Und das darf man nicht an den Nutzer auslagern. Die Komplexität muss man schon selbst in den Griff bekommen – sie an den Nutzer abzugeben ist immer der einfachste Weg für den Entwickler oder Designer…

    Die Überlegung sollte sein, was ist das erste, das der Nutzer erleben sollte – was macht die Anwendung für den neuen Nutzer wertvoll?

    Der klassische Lebenszyklus ist folgender:

    Nutzer werden von einer einfachen Anwendung angezogen
    Hersteller fügen mehr Funktionen hinzu und gehen respektlos mit der Zeit der Nutzer um
    Nutzer gehen auf andere, wieder einfache Anwendungen

    50% der Zeit sollte daher immer auf die neuen Nutzer verwendet werden und nur der Rest auf die bestehenden und vor allem Power User. Wie weit muss man wirklich weg vom MVP – das ist die zentrale Frage.

    #3 – Wir suchen Vertrautheit

    Konsumenten suchen gleichzeitig nach Neuen – wollen aber Vertrautes auch nicht aufgeben. Von daher sollte man behutsam mit Veränderung umgehen (siehe auch #2). Und wenn es Pattern außerhalb der Anwendung gibt, mit denen man vertraut ist – dann diese auf jeden Fall verwenden. Neue Begriffe für bekannte Dinge sind ein Tabu – z.B. Gruppe „Kreise“ nennen.

    Das Eidechsen-Syndrom

    Anders herum kann es sehr hilfreich sein, Themen aus der echten Welt in die Anwendung zu packen – er brachte das Beispiel der „Party-Funktion“ seiner Stereoanlage zu Hause, die die Musik lauter und bassiger macht und in allen Räumen zu hören ist.

    Entwickelt man eine bestehende Anwendung weiter empfiehlt er nur 10% auf „Re-Training“ zu setzen und 90% darauf, die Anwendung auch irgendwie vertraut zu halten für den Nutzer.

    #4 – Wir investieren dort mehr Zeit, wo wir es bereits getan haben

    Das Phänomen ist bekannt – Wir haben unsere Playlists in Spotify, unsere Kontakte bei Facebook und LinkedIn oder die Lieblingsfilme bei Netflix gespeichert. Unsere Nutzungshistorie macht die Algorithmen schlauer; alles wird vertrauter. Dies ist ein großes Thema bei der Treue der Nutzer.

    Wenn man es schafft, dass der Nutzer von der Nutzung direkt und spürbar profitiert wird er weniger schnell abwandern. Von daher macht es großen Sinn, den Nutzer dazu anzuregen, sich intensiv mit der Anwendung zu beschäftigen und viel Zeit damit zu verbringen.

    Das Abschluss-Statement war dann:

    „You are creating for humans – be as human as you can be!“

    Danke Scott – Cooler Vortrag! @scottbelsky

    17–18 Uhr Panel – Kultur ist die neue Währung im Handel

    Panel Kultur als Während im Handel

    Auch der Abschluss des heutigen Tages war noch einmal klasse. Das Podium bestand aus der aktuellen Chefredakteurin der Elle – Robbie Meyers – und drei Personen, die entweder von Ladengeschäften kommen und das Internet einnehmen wollen – und eben anders herum. Stelle einfach die Personen kurz vor und erläutere ihre Beiträge. Davor aber eine interessante Information:

    Auch in den USA nimmt der Online-Handel – natürlich trotz ebenfalls schnellem Wachstums – auch ca. 7% des gesamten Handelsvolumens ein. Und 72% vom Online-Umsatz entfallen auf die vier Unternehmen Amazon, Apple, Walmart und Staples… Hallelujah!

    Lacey Norton – Chefin der Ladengeschäfte für die Modefirme „Kit & Ace“
    Rick Badgley – Chef der Ladengeschäfte bei TOMS
    Ethan Song – CEO & Mit-Gründer von Frank & Oak (Vergleichbar mit unserem MODOMOTO oder OUTFITTERY)

    Was alle verbindet ist die Meinung, dass das Thema Beziehung, Treue und Marken-Engagement die höchsten Güter sind, die man heute im Auge haben muss. Nur noch auf die Transaktion – also den Einkauf – hin zu optimieren funktioniert weder online noch offline. In beiden Welten muss sich alles genau gleich und nahtlos anfühlen; es darf keinen Bruch im Markenerlebnis geben.

    Ethan Song hatte dazu ein schönes Zitat:

    Internet ist nicht nur der Bildschirm, sondern alles, was man berührt.

    Der Grund, warum Online-Händler in Läden gehen ist der unmittelbarere Beziehungsaufbau. Den wird man auch in den nächsten 20 Jahren noch nicht über das Internet hinbekommen, ist sich Badgley sicher. Die Lokalität schafft ein viel intimeres Markenerlebnis und verbessert so die Beziehung. In vielen Läden von TOMS gibt es auch Cafes und wenn die Kunden einfach nur kommen, um einen Kaffee zu trinken, so tragen sie alleine durch ihre Anwesenheit etwas zum Markenerlebnis anderer bei.

    Es war auffällig, dass alle die Kunden nicht einfach „Kunden“ nannten, sondern Gäste (bei Kit&Ace) oder Supporter – Unterstützer – bei den anderen beiden. Man war sich auch einig, dass man eigentlich über Lebensstil und Werte mit den Kunden sprechen muss und diese genau so bei den Mitarbeitern wie den Kunden etablieren muss. Die Marke ist dabei nur das Werkzeug; das Ergebnis muss eine Relevanz für den eigenen Lebensstil des Konsumenten haben.

    Dann fragte Meyers recht hart: „Was ist der ROI in einem Ladengeschäft? Warum ist das besser?“

    Badgely: Hoher Wettbewerb und schnelllebige Trends machen alles viel schwerer für kleinere Unternehmen als H&M & Co. – es geht mehr um das Gefühl, dass das Unternehmen vermittelt; wenn Kunden kommen und nichts kaufen haben sie auch etwas zur Kultur beigetragen. Die Ladengeschäfte sind definitiv langfristig und zur Marken/Kundenbindung gedacht.

    Song: Online-Traffic ist auch sehr teuer und kostet viel Geld. Das ist nur bedingt günstiger als Läden. Und ist der Online-Traffic wirklich nachhaltiger? Online scheint viel mehr transnational zu sein; Kunden müssen immer wieder durch Kampagnen zurückgeholt werden. Eine Relevanz im Leben der Menschen aufzubauen macht die Markenbeziehung unsterblich.

    Norton: Beziehung durch “Supper Clubs” – also Dinner-Treffen in den Läden. Dort entstehen Erlebnisse, die sich auf die Kultur und Werte auswirken. Es geht nicht nur um kommen und kaufen, sondern viel mehr um die Gemeinschaft und das Zusammensein und nicht nur die Transaktion

    Meyers: Werden Marken zu so etwas wie Nachtclubs?

    Song: Was ist die Rolle der Marke in der heutigen Zeit? Sie ist genau so ein Medienunternehmen wie echte Medienunternehmen. Und sie sind auch Coffeeshops. Zentral geht es aber darum, die richtigen Augäpfel auf die richtigen Produkte zu bekommen. Und die Leute müssen sich damit identifizieren.

    Norton: Erlebnisse werden zu einem Fundament für das Marken-Engagement. Unabhängig davon muss die Ware verfügbar sein auf dem Weg, den der Konsument gerade wünscht. Die Erlebnisse müssen sich überschneiden und vernetzen; dann macht man das meiste daraus. Leute im Laden brauchen Training und müssen entwickelt werden. Sie müssen sich mit der Marke und den Produkten identifizieren.

    Badgely: Ist eigentlich aus HR und weil es um Menschen geht, geht es darum, dass man eigentlich die Kunden einstellt, um die Produkte zu kaufen. Es muss schwer sein, im Laden die Kunden und die Verkäufer zu unterscheiden. Das sagen auch die Mystery-Shopper, die regelmäßig eingesetzt werden.

    Auch hierzu hatte Song wieder ein tolles Zitat:

    “Was ist der ROI einer guten Party? Sie macht Fans und unsterbliche Beziehungen.“

    Zum Abschluss gab es noch eine kurze Fragerunde, in der eigentlich nur eine richtig gute Frage gestellt wurde:

    Kann man einen Anstieg an Umsatz nach den Veranstaltungen tracken?

    Badgely: Nach den Events gibt es oft einen Anstieg an Umsatz aber einen Abstieg in Wandlung. Aber langfristig glaubt man daran, dass es das Geschäft stabilisiert. Läden haben den ROI in Markenbekanntheit, -Positionierung und Treue.

    Fand es schon sehr spannend, wie oft der Konsument und sein Erlebnis mit dem Unternehmen sowie das Management der verschiedenen Berührungspunkte mit der Marke online, social, mobile, in den Ladengeschäften, auf Veranstaltungen und den klassischen Medien erwähnt wurde. Alle bauen die Unternehmen sehr konsequent darum herum auf und optimieren sie. Das erlebe ich in Deutschland leider nur selten so – als Berater und als Konsument.

    Donnerstag, 10. März 2016 – ANREISE –

    Als erstes muss man sagen, dass bereits die Buchung eines Hotels ein Abenteuer war… weltgrößte Digital-Konferenz zieht offenbar wirklich viele Menschen an; alle Hotels waren ausverkauft oder unerschwinglich. Aber über AirBnB war auch dieses Problem dann mit ein wenig Recherche und netten Worten lösbar – ich werde berichten, ob Alicia’s Appartment empfehlenswert ist. Gut schlafen sollte ich können bei den schönen Farben – und die Lage ist prima; sollte alles mit dem Skateboard erreichbar sein.

    Update – Scheinbar wohne ich jetzt halt bei Dharma (von Dharma und Greg)

    Aber auch mein heftiges Programm sollte mich abends dann auch mal zum Schlafen bringen. Wer mal einen Blick riskieren möchte kann das hier tun.

    Mein Kalender für die SXSW - bisschen überbucht...
    Mein Kalender für die SXSW – bisschen überbucht…

    Hinzu kommen diverse Kaffees und Essen sowie die abendlichen Parties, die alle noch dazwischen geschoben werden und vornehmlich über die sehr aktive SXSW Social Community auf der Website getriggert werden…

    Aber jetzt sitze ich erst einmal ganz hinten in einer Boing von Delta Airlines – gemeinsam mit lustigen Hipstern und Bartträgern, die sicher auch alle mit nach Austin reisen – und genieße Inflight-WiFi, über das ich ganz wunderbar durch unseren Slack-Chat den Rest der Bande hier vom Arbeiten abhalten kann.

    :-)

    Nach einem Stopover in Atlanta und dem Besuch von alten Freunden ging’s dann gleich wieder in den Flieger nach Austin – und just sitzt schon Rüdiger Ditz neben mir, mit dem man wunderbar über die deutsche Medienszene diskutieren konnte, bis uns dann beiden die Augen zufielen…

    Nur um am Flughafen dann direkt in Christopher Kränzler von Lengoo zu sprechen; einem Karlsruher Unternehmen, das einen Übersetzungs-Marktplatz betreibt. Taxi geteilt, spannendes Gespräch über Investitionsstrategien geführt und dann einfach nur noch ganz schnell eingeschlafen…

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