Rapid Prototyping, wie Darwin spielen eure Produkte weiter bringt

Ich schreibe jede Woche über ein Thema aus dem netzstrategen-Universum. Was noch fehlt ist ein geiler Name für die Kolumne mit einer Alliteration drin – alle wichtigen Kolumnisten haben Alliterationen im Titel! Alle! Also her mit euren Vorschlägen.

Rapid Prototyping, das klingt nach etwas, das entweder ganz hippe, leane und agile Start-up-Menschen oder Raketenwissenschaftler machen und damit zwar total interessant, aber auch nicht alltagstauglich. Doch das stimmt nicht! Rapid Prototyping ist im Kern ein Vorgehen, das von Anfang an kleine Funktionseinheiten gezielt Widrigkeiten, wie Endnutzertests oder heuristischen Evaluierungen, aussetzt. So lässt sich das geflügelte Zitat „Kein Plan überlebt den ersten Kontakt mit der Realität“ (Das Original kommt von einem streng blickenden Preußen) zumindest aufweichen, denn durch Rapid Prototping setzt ihr euer Projekt immer wieder kleinen Realitätsdosen aus. Homöopathen gefällt das!

Falls ihr mehr zu User Tests wissen wollt, dann hat Doro einen feinen Artikel für euch auf Lager. Heuristische Evaluierungen sind schnell erklärt: Ihr geht Schritt für Schritt euer System durch und prüft die einzelnen Elemente anhand vorgefertigter Fragen. Eine generell anwendbare Liste und einen tieferen Einstieg in das Thema bietet euch die Nielsen Norman Group.

Frühe Iteration minimiert Projektrisiken

Doch bevor ihr euer Projekt in den evolutionären Hindernislauf schickt, müsst ihr die einzelnen Elemente identifizieren, aufteilen und Testszenarien zuordnen. Manche sind dabei sehr statisch, zum Beispiel wenn euer Produkt Informationen, wie Karten- oder auch medizinische Daten enthält. Die könnt ihr nur in der Art ihrer Vermittlung verändern, der Kern, die Information bleibt gleich. Ein schönes Beispiel dafür ist der Artikel zu Charles Darwin auf simple.wikipedia.org im Vergleich zu wikipedia.org: Das eine ist für Kinder und Englisch-Anfänger, das andere für die Allgemeinheit. Wikipedia ist auch deshalb ein schönes Beispiel, weil sich alle Artikel dort ständig im Fluss befinden, ein Blick in das Bearbeitungslog ist bei jedem Beitrag der Plattform hochgradig spannend. Das ist zwar nicht Rapid Prototyping, aber ein enger Verwandter, die Iteration.

Paper prototyping, wenn es schnell gehen muss.
Paper prototyping, wenn es schnell gehen muss.

Andere Elemente, wie das User Interface oder die Struktur der Anwendung, sind da viel flexibler. Hier gilt: Baut ein kleines Szenario aus den statischen Elementen. Für Kartenmaterialien beispielsweise ein Setup, in dem eure Nutzer einen Ort finden müssen. Im Fall von Informationen, wäre ein guter Test sie nach einem Teilaspekt suchen zu lassen. Wichtig ist, dass ihr in diesem Fall nur das minimale Gerüst mit möglichst geringem Aufwand baut, das kann im Extremfall sogar bedeuten, dass ihr einen Papierprototypen baut und den intern Leuten vorlegt, die nicht oder nur am Rande mit dem Projekt zu tun haben. Denn der Kern von Rapid Prototyping sind kleine Schritte mit klar definierten Fragestellungen, die unter widrigen Bedingungen getestet werden. Also nicht das Projektteam drauf loslassen, denn die sind erstens betriebsblind und zweitens auch unter Umständen nicht willens sich gegenseitig direkt oder indirekt zu kritisieren.

„Also, Ich finde das total intuitiv!“ ist kein Qualitätskriterium

Evolution ist auch immer ein bisschen schmerzhaft, doch ihr gewinnt dadurch frühzeitiges Feedback und erkennt Hindernisse bevor sie zu unüberwindbaren Problemen werden, die dann mit „It’s not a bug, it’s a feature“ abgetan werden (müssen). Noch viel wichtiger ist, dass ihr permanent wertvolles qualitatives Feedback zu überschaubaren Szenarien mit einer klaren Fragestellung bekommt. Konkret: Eure Nutzer kommen mit euren Icons nicht klar und sie hätten gerne eine Funktion, mit denen sie sich alle Sehenswürdigkeiten einer Stadt anzeigen lassen können und von ihrer Position aus eine nette Laufroute planen. Ohne Rapid Prototyping hättet ihr diese Anforderung und das Icon-Problem erst nach dem Launch herausgefunden.

Durch Testszenarien lernt ihr eure Zielgruppe viel besser kennen

Ist Rapid Prototyping mehr Aufwand? Ist es, und kompliziert noch dazu, denn ihr müsst euer Projekt in kleine Funktionseinheiten zerlegen und euch Testszenarien überlegen. Doch die investierten Ressourcen sind besser angelegt als mit einem ausgefeilten Masterplan loszurennen, der an den Bedürfnissen eurer Kunden vorbeigeht. Schöne Beispiele für dieses Dilemma findet ihr in den meisten Mittelklasse-Wagen der frühen 2000er: Da wird der Sendersuchlauf zur Detektivarbeit, weil die Entwickler, die das Ding bauen, natürlich super mit ihrem eigenen System klar kommen und gar nicht verstehen können, was denn so schwer daran sein soll sich via Drehknopf durch zehn Menüeinträge zu puhlen.

kompliziertes OnBoard-entertainment-System
Ich will doch nur den Sender speichern, ihr Monster!

Der Vorteil, neben dem kleinteiligen Reality Check, ist dass ihr bliebte Design-Klippen, wie „Das verstehen die User schon“ oder das erwähnte „Also, Ich finde das total intuitiv!“, umschifft. Noch viel wertvoller: Wenn ihr die Gelegenheit habt Nutzerstudien durchzuführen, lernt ihr eure Zielgruppe aus unterschiedlichen Blickwinkeln und in vielen Anwendungssituationen kennen. Dieses Wissen müsstet ihr euch sonst mühsam in Produktreviews, Umfragen und Online-Recherche zusammenpuzzeln.

Und um zum Schluss wieder mit Darwin zu enden: Ein Video, in dem ein neurales Netzwerk lernt Super Mario zu spielen. Really, really Rapid Prototyping.

Falls ihr wahnsinnig gute Vorschläge für einen Kolumnentitel habt oder einen Themenvorschlag, den ich mir als nächstes vornehmen soll, dann schreibt mir ein paar Zeilen an peter@netzstrategen.com oder hinterlasst einen Kommentar unter dem Artikel oder auf unserer Facebook-Seite.

So long,

Peter

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