Pokémon GO wird euch in die Pokébälle kneifen

Ich finde digitale Phänomene faszinierend, noch mehr, wenn sie mit Spielen zu tun haben. Im GEElab - das fliegende Spaghettimonster hab es seelig - habe ich mich mit Gamification und Motivationsanreizen zu mehr Bewegung befasst und konnte aus erster Hand die Faszination, aber auch problematischen Seiten dieser Mechanismen kennenlernen. Lasst uns daher über das location based Pokémon GO reden.

Für alle, die mit dem Begriff Gamification nicht so viel anfangen können, es gibt auch ein kleines Video dazu!

Ein paar Worte vorweg, bevor ich euch ein bisschen deprimieren muss:

Ich finde emergentes Verhalten, das sich aus solchen Spielen ergibt, total spannend und glaubt mir, es ist nur eine Frage der Zeit bis zum ersten Pokémon-Dating oder Pokémon-Ausbrüt-Marathon. Dinge, wie Pokémon Go oder sein Über-Nerdvater Ingress, sind wie dafür gemacht, dass sich aus dieser plötzliche Gemeinsamkeit des Spiels und eventuell der Zugehörigkeit zu einem Team neue soziale Räume und spielerische Aktivitäten entstehen, die Menschen zueinander bringen. Geht jetzt in einer Stadt mit offenen Augen durch die Straße und macht Trainer-Spotting, ich habe gestern auf dem Weg zum Döner meines Vertrauens vier Leute spielen sehen, während ich drauf geachtet habe, dass Trainer-Anwärter Fabian nicht vor ein Auto läuft. Im Schlosspark ging es zu diesem Zeitpunkt übrigens total ab, Köder überall!

Eine Pokémon GO Dating-Anzeige
Der Pokémon-Trainer an sich ist halt schon ein smooth criminal.

So finden generationenübergreifend Leute zueinander und ähnlich wie bei einem Flashmob bringt es im Idealfall harmlosen Spaß in Einkaufzentren und Parks: Als Trainer seid ihr einer der Eingeweihten und habt ein gewisses Maß an Einfluss auf den öffentlich Raum, den die Normalos um euch herum nicht haben. Team Rot kann die Arena am Karlsruher Schloss erobern – ich behaupte jetzt einfach mal, dass es da eine gibt. Das ist motivierend, bringt Leute nach draußen und zusammen, um gemeinsam Spaß zu haben. So weit, so geil.

Nicht so geil ist, dass das Prinzip „free to play“ inzwischen motivationspsychologisch so gut erforscht ist und über so eine gewaltige Datenbasis verfügt, dass die selben Leute, die euch erst diesen tollen Spaß gebracht haben, nur noch darauf warten, bis Peak Pokémon erreicht ist, um euch dann ordentlich dort zu packen, wo es weh tut: An eurem Geldbeutel, an eurer Zeit und an eurem hart erlaufenen Zoo: Denn Ihr braucht Pokébälle, um all die Glumandas, Rattfratz und Pickachus da draußen zu sammeln. Eine Ressource, die euch beliebig gegeben oder genommen werden kann. Falls ihr einen schnellen Überblick zu dem Thema haben wollt: Extra Credits hat dazu ein hervorragendes Video.

Gotta catch ‚em all

Ein Szenario, das ich dem Spiel zwar nicht wünsche, das aber in Anbetracht der wiederkehrenden Berichterstattung über Social/Mobile Games und das liebe Geld nicht unwahrscheinlich ist: Noch könnt ihr bequem eure Vorräte aufstocken. Doch mit der Zeit wird es immer schwerer werden, bis schließlich der faustsche’ Deal um die Ecke kommt und ihr nur ganz einfach in einer der Sponsored Locations rumhängen müsst, um fünf neue Bälle zu bekommen. Wenn ihr dann noch etwas im Wert von zehn Euro kauft und den Gutscheincode in die App eingebt, kriegt ihr NOCHMAL ZWANZIG BÄLLE OBEN DRAUF!!! DER DEAL DES JAHRHUNDERTS!

Vodafone macht Werbung im Pokémon GO Vorgänger Ingress
In Ingress, auf dem Pokémon GO basiert, ist es schon passiert. Der Artikel ist von go2android.de. Der Link ist auf dem Bild.

So können Firmen euer Freizeitverhalten und vor allem euren Freizeitspaß aussteuern, weil ihr euch eine Community aufgebaut habt, Zeit in eure Sammlung investiert und dadurch einen gewissen Status in dieser Gemeinschaft habt, den ihr halten oder ausbauen wollt. Plötzlich ist eure Freizeitbeschäftigung von außen einfach und kleinteilig steuerbar, denn digitale Ressourcen können beliebig verändert werden. Was hier durchgespielt wird ist ein graduell eskalierendes Commitment: “Ich habe jetzt schon dieses Level”; “Jetzt haben wir uns die Nacht um die Ohren geschlagen, um die Arena zu erobern, jetzt halten wir sie auch gegen die Pappnasen von Team Blau”; ”Jetzt hab ich mir schon zwanzig Pokébälle geholt, jetzt muss ich auch etwas fangen.” Die Argumente ließen sich beliebig fortsetzen.

Euer Verhalten ändert sich schleichend

Dagegen ist niemand wirklich gefeit, ich habe schon 689 Stunden in einem Spiel namens War Thunder versenkt (aber ich kann das begründen!) und ich schätze ein Drittel davon war nicht zum Spaß, sondern weil mir durch den free2play-Titel künstliche Hindernisse in den Weg gelegt werden und mir durch Belohnungen ein, für den Entwickler vorteilhaftes Verhalten, nahe gelegt wird: Im Falle von War Thunder kriege ich jedes Mal, wenn ich mich einlogge eine Belohnung. Jeden Tag gibt es eine bessere im Vergleich zum Vortag. Dummerweise verfallen sie nach 24 Stunden. Die Konsequenz: Ich muss täglich spielen, um das Maximum aus meinen Belohnungen herauszuholen, um die künstlichen Hindernisse schneller zu überwinden. So hat mich War Thunder dazu gebracht mich jeden Tag morgens schnell einzuloggen, nur um mal kurz die Belohnung zu checken und zwar in der Zeit, in der ich sonst üblicherweise gemütlich einen Kaffee trinken und diverse Nachrichtenportal durchstöbern würde.

Ein Bild von Ivan Pavlov, einem berühmten Verhaltensforscher
Und Ivan Pavlov so: „Du bist WIE LANGE
in War Thunder rumgehangen?“

Habe ich deshalb aufgehört War Thunder zu spielen? Nein, denn meine Freunde spielen und das Spiel an sich macht mir viel Spass. Hätte ich jetzt ambitionierte Freunde, die dort in einer Liga spielen, müsste ich eventuell Geld für einen Premium-Account ausgeben, um mitzuhalten oder mir sogar ein Fahrzeug kaufen, die bis 40 € teuer sein können. Kein Spiel, ein Fahrzeug in einem digitalen Spiel, wohlgemerkt. Mobile Games funktionieren ähnlich, aber mit häufigeren kleineren Entscheidungsinstanzen: Pokébälle alle? Kauf dir doch schnell neue für zwei Euro. Das geht als Business-Modell durchaus in Ordnung, versteht mich nicht falsch, es gibt dazu auch positive, umsatzstarke Beispiele, wie League of Legends. Wichtig ist, dass bei euch das Bewusstsein dafür vorhanden ist, ob ihr da gerade eine freiwillige Entscheidung trefft, oder ob sie euch bei den Pokébällen haben und euch in einen Kosten-Nutzen-Entscheidungsprozess drängen, der nur virtuell ist. Der Prozess ist schleichend: Fabian ist gestern zum Beispiel mit Begeisterung zum Döner und wieder zurückgelaufen, während ich ein bisschen in mich hineingeschmunzelt habe, denn sonst ist das klassische Argument “Aber der ist doch so weit weg!”.

Augen auf beim Bällekauf, nech.

Grüße,

Peter

P.s.: Welches Pokémon-Team ist in Karlsruhe eigentlich der heiße Scheiß? Ich persönlich wäre ja eher Team Blau.

P.p.s.: Bisherige Vorschläge für die Kolumne: „Die digitale Grätsche“ oder „eingenetzt“ von Lili, „Netzwürzig“ von Mario. MEHR DAVON! MEHR!

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