Peters Kolumne – Was Netzneutralität mit einem Boot zu tun hat

Im Urlaub haben mir zwei Dinge den Arsch gerettet: Die Abschaffung der Roaminggebühren und Netzneutralität. Darum spinne ich heute in Peters Kolumne ein bisschen Seemannsgarn* mit euch. Dieser Beitrag kann Spuren eines unzuverlässigen Erzählers beinhalten.

Netzneutralität für Leichtmatrosen

Der Kampfbegriff von Piraten (also politisch organisierten) und Leuten, die freiwillig und gerne Linux-Systeme bedienen, ist Netzneutralität: Das bedeutet, dass in Konstrukten, wie dem Internet, alle Datenpakete gleich behandelt werden. Der 42.734.385.089ste Aufruf von Despacito auf YouTube ist also genau so wichtig, wie eine Arztkonferenz via Hangout oder einem ähnlichen Telepräsenz-Tool. Ein weiterer Parameter ist, dass alle Dienste auch gleich behandelt werden und nicht gesperrt oder mit geringerer Priorität verarbeitet werden.

Das bringt einige Probleme mit sich: Denn das Internet ist neben einem Kommunikationswerkzeug zu dem größten Speicher kultureller Artefakte aller Art geworden, in dem ein hochauflösendes Bild der Mona Lisa die gleich Daseinsberechtigung hat, wie das HD-Video von einem Typen, der seinen Furz anzündet. Beides braucht eine Menge Speicherplatz und wenn es übertragen wird, eine Menge Bandbreite. Beides Ressourcen, die endlich und teuer sind und Netzanbieter finden es grundsätzlich besser, wenn ihr für zwanzig Euro nur ein paar WhatsApps schickt, anstatt schon wieder Despacito aufzurufen, um in der Badewanne für die nächste Karaokenacht zu trainieren. Dazu übrigens eine kleine Empfehlung von mir:

Der wachsende Bedarf nach mehr Speicherplatz und Bandbreite sowie begrenzten Ressourcen (i.e.: „Wieso, die Kupferleitungen sind doch noch gut?!“) auf der anderen Seite führt dazu, dass über Netzneutralität immer wieder gesprochen wird – denn, wenn die nicht wäre, könnte man mit weniger Aufwand mehr Geld verdienen. Wie das in freier Wildbahn aussieht, könnt ihr euch auf der Seite eines portugiesischen Mobilfunkanbieters ansehen.

Ach, Sie wollen die Dienstleistung auch nutzen? Dann brauchen Sie diese Pakete zusätzlich.

Hier ist alles schön hinter einem separaten Vertragspaket: Mails? Kostet extra. Messenger? Kostet extra. YouTube? Kostet extra. Die eigenen Dienste sind natürlich gratis, man ist ja schließlich Dienstleister und damit dem Kunden verpflichtet.

Warum Roaming zurecht der Klabautermann geholt hat

Ihr kennt die Situation sicher alle: Ihr steigt in den Flieger und seid noch ein mündiger Erwachsener, der sich souverän in der digitalen Welt und damit auch dem Meatspace bewegen kann. Ihr steigt aus dem Flieger und müsst euch im nächsten Starbucks einen dieser Kaffeemutanten mit drei Adjektiven kaufen, damit ihr wieder handlungsfähig seid und wisst in welchen Bus ihr jetzt einsteigen müsst und wo dieser verdammte Bus eigentlich abfährt. Denn die Roaminggebühren, die ihr sonst bezahlen müsstet, würden euch sonst nach drei Minuten Internet direkt ins Armenhaus bringen. Aber zum Seemansgarn: Nachdem ich das Flugzeug gelandet hatte, da beide Piloten zeitgleich bewusstlos wurden und ich der einzige an Bord war, der Flugerfahrung hatte (War Thunder, 774 Stunden), war ich also am Flughafen in Palma angekommen.

Symbolbild: Meine geschickte Flucht vom Flughafen.

Der Presse entzog ich mich geschickt, in dem ich mich in meiner eigenen Reisetasche nach draußen schmuggelte. Das war den Behörden dann doch zu unheimlich, weswegen alles vertuscht und auf einen Wetterballon geschoben wurde. Nur falls ihr euch fragt, warum ihr davon nicht gelesen habt. Erst war ich erfreut, dass der Flughafen ein freies WLAN hatte, dann direkt weniger erfreut, da es völlig überlastet war. Doch zu meiner Rettung war die Datenroamingverordnung im Juni 2017 in Kraft getreten und mein Smartphone hatte sich nicht wie sonst nach Grenzübertritt in einen glorifizierten MP3-Player verwandelt. Kühn schritt ich also aus den klimatisierten Hallen hinein ins Abenteuer, fand heraus wo dieser verdammte Bus losfuhr, stellte fest, dass mir das alles zu lange dauert und nahm ein Taxi.

Kurze Zeit später am Hafen traf ich meine Segelgefährten, die mir in Heldenmut, Klugheit und gutem Aussehen in nichts nachstanden. Auch sie hatten kleine Anekdoten von ihrer Anreise zum Besten zu geben, wie sie jeder Urlauber kennt: Bombenentschärfungen in letzter Minute, ohne Zugriff auf YouTube quasi nicht zu bewältigen. Schlichtungen von Jahrhunderte alten Familienfehden, unlösbar ohne Zugriff auf „Dianas Bilder mit Herz“. Hätte es da noch Roaminggebühren gegeben oder keine Netzneutralität, wäre das Abenteuer an dieser Stelle schon zu Ende gewesen: Wir wären alle in die Privatinsolvenz gegangen oder gar nicht erst an die notwendigen Informationen gekommen. Denn unbeaufsichtigt bietet jeder Internetdienstleister seine Dienste nur mit großen Widerwillen an und lässt sich das auch entsprechend vergolden oder in Erstgeborenen ausbezahlen.

Eine Montagesequenz und die Freuden downloadbarer Betriebshandbücher

Ihr kennt das alle aus Filmen: Der Held muss zum nächsten Abenteuer oder erst fleißig trainieren. Da das für den Zuschauer nicht so richtig spannend ist, legt der Filmemacher da dann fetzige Musik drunter und schneidet mehrere Szenen schnell aneinander, um so effizient zu zeigen, dass da jetzt gerade eine Menge Zeit vorbeirauscht. Für den geneigten Kenner habe ich dazu auch ein Video eingebettet.

Um das mal ähnlich abzukürzen: Nach einem Wettsegeln gegen den fliegender Holländer, einem Kampf gegen einen manisch-depressive Riesentintenfischh, der obligatorischen Schatzsuche auf einer verwunschen Insel, die nur alle hundert Jahre auftaucht, hatten wir tatsächlich ein Problem, das wir nicht ohne weiteres lösen konnten: Unsere Abenteuer hatten wir natürlich wie echte Seemänner, -frauen und -personen immer unter Segeln vollbracht.

Doch hin und wieder mussten wir kurz den Motor anwerfen, was bald die Frage aufwarf, wie viel Diesel noch in unserem Tank war. Dummerweise war nirgends eine Tankanzeige zu finden, nicht beim Steuerrad, nicht unter Deck, nicht mal am Motor selbst. Zwar lachten wir bei unseren Abenteuern mehrmals dem Tod ins Auge, das bedeutet aber nicht, dass man sein Schicksal durch etwas Doofes wie „auf offener See den Tank leer fahren“ herausfordern sollte.

Symbolbild: Kampf gegen den Riesentintenfisch

Eine gründliche Durchsuchung des Bootes förderte eine Anleitung auf Französisch und eine auf Spanisch zu Tage, beides nicht sonderlich hilfreich. Doch wir waren in Küstennähe, hatten guten Empfang und die Netzneutralität in Kombination mit Roamingverordnung auf unserer Seite. Kurze Zeit hatten wir die englische Variante der Betriebsanleitung gefunden und das Problem gelöst.

Das ist auch der Grund, warum wir Netzneutralität brauchen: Denn es ist weder plan- noch absehbar wann welcher Dienst nutzbringend eingesetzt werden kann. Uns hat im Mittelmeer die Netzneutralität eine wichtige Information verschafft. Wären wir vor der Küste Portugals gewesen, hätten wir bei diesem Anbieter erst mal die Kreditkarte zücken können und darauf hoffen, dass die Vertragsabwicklung schnell über die Bühne geht, während wir mit einer unbekannten Menge Diesel vor uns hin dümpeln. Neue Formen der Kommunikation und Geschäftsmodelle brauchen dieses Neutralitätsversprechen, um überhaupt aus den Startlöchern zu kommen. Nichts killt eine Idee schneller als die Aussage „Schönes Internetportal/schöne App haben Sie da, wäre schade, wenn das lange Ladezeiten hätte.“ Denn so bringt einem die ständige steigende Zugänglichkeit nichts, wenn es am Ende an einem fehlenden Sack Gold scheitert, den der Gatekeeper Netzdienstleister von jedem nach Belieben einfordern kann.

*Das bedeutet, dass ich flunkern und hart abschweifen darf und jetzt wieder hoch mit euch.

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