Peters Kolumne – Gastbeitrag Living in Karlsruhe und ein Survival Guide für Schwaben

Es hat sich so ergeben, dass ich mir unter fadenscheinigen Vorwänden Leute in die Kolumne ziehe. Das hat viele Vorteile: Ich kann erst ein bisschen rumnölen, meinem Kolumnenpartner das Mikro zuwerfen und dann wegrennen. Dazu kommt, dass Einstiege eigentlich ganz einfach sind: Man muss nur ein paar große Themen anschneiden: Heimat! Unversöhnliche Feindschaft! Kolonialismus! Listicles! Mr. Hide vs. Mr. Jekyll! Zack, der Boden ist bereitet. Willkommen in Peters Kolumne in der Johanna Wies, der Autorin von Living in Karlsruhe, das Mikro geschickt fängt.

Mr. Jekyll – Peter, Schwabenstratege

Als Schwabe ist man im Badnerland ähnlich willkommen, wie ein Astronaut beim Jahrestreffen der Flacherdler. Das hat viel mit unglücklichen historischen Ereignissen und viel mit Lokalpatriotismus zu tun. Während der Schwabe an sich zwar durchaus aufs Ländle und seine Schaffer stolz ist, nimmt das keine überbordenden Züge an.

Obwohl ich als Schwabe nun seit vielen Jahren im eigentlich tiefschten Feindesland lebe, gell, habe ich die Eingeborenen kennen und schätzen gelernt. Daher möchte ich meinen Mitschwaben fünf Vermeidungstipps auf den Weg geben, wie der erste Ausflug in das innerdeutsche Ausland skandalfrei bleiben kann:

Wie Sie als Schwabe in Karlsruhe überleben

1. Erwähnen Sie Stuttgart nicht, vor allem nicht in Karlsruhe

Badener sind auf Schwaben nicht gut zu sprechen. Ein großer Teil davon rührt aus einem badenzentristischen Weltbild, das es nur schwer verkraften kann, wenn die Sonne auch über dem Rest der Welt aufgeht. Gepaart mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein, die dazu führt, dass sich das KIT über das MIT lustig macht oder gigantisch große Stadtschilder mit der Aufschrift „Karlsruhe ist best christmas city“ aufgestellt werden. Hier gilt eine der Lehren aus den Kaisers neue Kleider: Weisen sie nicht darauf hin, dass er nackt ist und verteidigen sie Stuttgart nicht – für Badener ist Stuttgart der Höllenpfuhl, während Karlsruhe das lichtdurchflutete Elysium ist. Wenn Sie daran rütteln, werden Sie unter Umständen geschüttelt.

Benehmen Sie sich daher als vorbildlicher Gast, der seinem Gastgeber den einen oder anderen historisch motivierten Affront durch gehen lässt. Das Gespräch wird auch oft aus taktischen Gründen auf Stuttgart gelenkt, um zu sehen auf welcher Seite Sie stehen. Bleiben Sie neutral, was Ihre Aussagen zu Stuttgart angeht und lenken Sie das Gespräch so schnell wie möglich wieder auf Karlsruhe und seine unzähligen Vorzüge.

2. Vermeiden Sie das Thema KSC am besten völlig und lassen sie besondere Vorsicht bei einem KSC-Spiel walten

Zum Thema KSC können sie als Nichtbadener nur Falsches sagen, also sagen Sie am besten nichts. Retten Sie sich schnell in internationale Fußballgewässer oder wechseln Sie die Sportart gleich ganz. Sollten Sie in einem Anflug geistiger Umnachtung VfB-Devotionalien tragen, legen Sie sie sofort ab. Zwar sind problematische Fußballfans leicht zu erkennen und damit zu umgehen, doch wenn die Stadt voll mit ihnen ist, bei so einem Heimspiel beispielsweise, lassen sich potentiell unangenehme Begegnungen (i.e.: Oine uf d’Gosch) nur schwer vermeiden.

Symbolfoto: Begegnung eines VfB-Anhängers mit KSC-Fans

3. Geben Sie sich nicht durch fatale Bestellungen zu erkennen

Spätzle mit Soß ist ein hohes Gut, selbst in Baden. Auch wenn es Ihnen die Zunge bricht, bestellen sie keine Mäuldäschle, bestellen Sie Maultaschen und Sie werden mit der Menge an Soße auskommen müssen, wenn Sie sich nicht sofort zu erkennen geben wollen und damit eine Saloon-Prügelei vom Zaun zu brechen.

4. Loben Sie nicht auf die schwäbische Art

Der in Schwaben übliche Diminutiv und das Lob durch Untertreibung, wie in „hasch rechd gemacht“ oder „ned gemotzt isch gnug globt“ ist für Baden unzureichend. Auch das eigentlich höchstmögliche schwäbische Lob „ned schlechd“ wird Ihnen nur böse Blicke bringen. Legen Sie sich daher einige unverfängliche Superlative aus dem deutschen Sprachschatz zu, die in dieser Form im Schwäbischen nicht existieren: „Super“, „ausgezeichnet“, „bemerkenswert“, „klasse“, „fürstlich“, um nur einige zu nennen.

Der Weg zum Herzen eines Badnes führt über klug eingesetztes Lob der regionalen Vorzüge: Wein, Nahverkehr, IT-Technologie und natürlich landschaftliche Besonderheiten. Hängen Sie noch ein „So schön ist es bei uns daheim nicht!“ dran und Sie sind quasi adoptiert.

5. Badener dürfen sich Badenser nennen, Sie dürfen das nicht

Beharren Sie eisern darauf in Gesprächen das „Badener“ und nicht das abwertende „Badenser“ zu verwenden, auch wenn Ihr badischer Gesprächspartner es selbst nutzt. Sie wären ja auch pikiert, wenn Sie als Spätzle-Schwob bezeichnet werden. Eigentlich ein nützliches Gerät und für den schwäbischen Haushalt unverzichtbar, aber in diesem Fall nicht nett gemeint.
Wenn Sie sich an diese Tipps halten, steht einem angenehmen Besuch im schönen Badnerland nichts mehr im Wege und vielleicht geht es ja wie Ihnen wie mir und sie werden sich Karlsruhe zur zweiten Heimat machen.

Des Schwaben Excalibur.

Mit diesen Worten verabschieden wir uns von der förmlichen Anrede und bitten Johanna ins Rampenlicht, denn Sie schreibt für ein breiteres Publikum an Expats und hat den netten Content im Gepäck.

Mrs. Hide – Johanna Wies von „Living in Karlsruhe“

So, vielen Dank, Peter. Mir als Zugezogene aus einer völlig anderen Region ist der „Baden-Schwaben-Konflikt“ zwar natürlich nicht entgangen, aber noch nie so verdeutlicht worden. Ich selber komme ursprünglich aus Moers, am Rande von Ruhrgebiet und vom Niederrhein. Nach Karlsruhe bin ich vor vier Jahren aus Berlin gezogen, weswegen ich eine Weile brauchte, um die ganzen Reize und Vorzüge der Stadt und Region zu entdecken.

Johanna Wies am Lieblingsort

Dies hatte sicher auch viel damit zu tun, dass ich zu Beginn in Jöhlingen im Walzbachtal wohnte, was zwar landschaftlich sehr schön, mir aber viel zu abgeschieden war. Spätestens als ich ins hübsche Durlach gezogen bin, fühlte ich mich hier angekommen und habe mich nach und nach immer mehr in die Stadt und die ganze Region verliebt. Was ich toll an Karlsruhe finde?

Das Veranstaltungs- und Kulturangebot

Ich muss sagen, dass ich eine ganze Weile brauchte um zu erkennen, dass auch Karlsruhe ein tolles Veranstaltungs- und Kulturangebot zu bieten hat. Ja, ich vermisse zwar noch immer die vielen Konzerte in Berlin, die es in der Fülle hier nicht gibt. Doch auch hier gibt es ab und zu Bands für meinen Geschmack: So war ich extrem glücklich, grandiose Auftritte von Nada Surf und Clueso zu erleben. Abgesehen davon gibt es zahlreiche viele Veranstaltungen, sei es rund um Marketing oder Networking Themen oder kulturelle Veranstaltungen, wie Feste, Märkte und Festivals. Besonders gut gefallen mir Veranstaltungen im Sommer rund um das Schloss.

Die Überschaubarkeit

Genau das, was mir zunächst im Vergleich zu Berlin negativ auffiel, finde ich mittlerweile herrlich: Karlsruhe ist sehr reich an Angeboten, aber trotzdem schön überschaubar. Man gelangt sehr flott überall hin, sei es von Durlach in die Stadt, aber auch innerhalb des Zentrums. Ich finde es auch schön, dass man auf Veranstaltungen oft dieselben Gesichter sieht, das wäre mir in Berlin sicher nicht so schnell passiert.

Frühe Google-Maps-Ansicht

Der Gemeinschaftssinn und die Weltoffenheit

Auf den vielen Veranstaltungen hier habe ich einen großen Gemeinschaftssinn und kollektiven Stolz auf Karlsruhe als Heimat erlebt. Wenn ich nun auch, nachdem ich Peters zwei Artikel gelesen habe, dies womöglich etwas anders wahrnehmen werde. 😉

Auch schätze ich hier die Weltoffenheit, die doch wirklich mit der von Berlin mithalten kann. Sei es, aufgrund der vielen internationalen Studenten, aber auch Expats, die extra für eine Arbeitsstelle nach Karlsruhe ziehen. Bei einem Interview im IBZ – Internationalen Begegnungszentrum Karlsruhe war ich sehr beeindruckt von dessen vielfältigem Angebot um Neuankömmlinge, egal von wo, in Karlsruhe willkommen zu heißen. Bei den Independent Film Days erlebte ich Karlsruhe als Anziehungspunkt für internationale Independent Filmemacher.

Über das ganze Jahr verteilt gibt es internationale Veranstaltungen, sei es groß angelegte, wie die Indian Summer Days, oder kleinere, von Vereinen organisierte, wie von dem Verein Latinka. So wird nicht nur viel für zugezogene aller Herren Länder, sondern jeder kann andere Kulturen erleben und dazu lernen.

Die Umgebung

Es ist fantastisch von solch wunderschönen Landschaften umgeben zu sein, direkt vor der Haustür den Schwarzwald, das Elsass und die Pfalz zu haben, alle drei perfekte Regionen zum Wandern oder für andere Outdoor Aktivitäten. So war ich schon Eselwandern im Schwarzwald, Wandern entlang der Maginot-Linie im Elsass, einfach am Schluchsee Campen, inklusive Kanufahren, oder mit dem Rad die Pfalz erkunden. Nicht zu vergessen tolle Tagesausflüge ins schöne Straßburg, das es mir wirklich angetan hat! Straßburg gefällt mir besonders im Frühjahr oder Sommer – auch wenn Viele den Weihnachtsmarkt in höchsten Tönen loben, war es mir viel zu voll und ich mag tatsächlich den Karlsruher Weihnachtsmarkt viel lieber.

Das Schloss

Zu guter Letzt, auch wenn es hier in Karlsruhe so typisch klingt, aber ja, ich finde es toll in einer Stadt mit so einem schönen Schloss zu leben! Mich im Sommer mit Freunden im Schlosspark zu treffen, dort mit einem Eis oder Radler hinzusetzen, oder einfach nur kurz innezuhalten und die Sonne und den schönen Anblick vom Schloss zu genießen.

Dies sind einige der Dinge, die ich persönlich an Karlsruhe schätze und versuche auf meinem Blog Living in Karlsruhe zu vermitteln. Damit hoffe ich, dass Andere die vielen kleinen Besonderheiten der Stadt schneller kennenlernen, als es bei mir der Fall war.

Mehr vom bösem Cop? Dann geht es für euch hier lang.

Mehr vom guten Cop? Hier ist die Fluchtroute.

P.s.: Mir wurde mehrfach angetragen „Der Esel nennt sich selbst zuerst“. Was dabei oft vergessen wird: Esel don’t care!

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