Paid Content Update November 2015

Die Zeiten, in denen sich Paid Content im Konzept-Stadium oder der Launchphase befand, scheinen langsam aber sicher vorbei zu sein. Immer häufiger wird mit der Paywall gearbeitet. Es wird investiert, gelockert oder eingestellt. Die ersten Erfahrungen führen zu Folgehandlungen. Zumindest erweckt die Berichterstattung rund um das Thema im November 2015 den Eindruck. Wir haben einige interessante Meldungen zusammengetragen und versucht diese einzuordnen.

Murdoch reißt die Mauer ein

Beginnen möchte ich mit einem Beitrag für die „Ich habs doch immer gewusst“-Fraktion. So berichteten mehrere Medien darüber, dass Rupert Murdoch die Paywall bei der britischen Boulevardzeitung SUN einstellt. Die Wiener Zeitung begründet dies mit dem fatalen Kundenverlust von 1,9 auf 1,1 Millionen tägliche Besucher. Im gleichen Zeitraum haben die Konkurrenten Mirror und Mail ihre Reichweiten hingegen ausgebaut. Auch wenn in dem Beitrag keine Information über die Zahl der Online-Abonnenten gemacht wird, erscheint die Begründung naheliegend: die SUN verliert im Wettbewerb massiv an Relevanz. Und in Zeiten, in denen der Kampf um Aufmerksamkeit so stark ist wie nie, ist sinkende Relevanz so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann. Für einen allgemeingültigen Abgesang auf Paid Content ist dies in meinen Augen kein Anlass. Denn bei der SUN ist eine Voraussetzung für erfolgreichen Paid Content nicht gegeben: unique, wertvolle Inhalte. Ein Boulevardblatt mit starkem Wettbewerb kann das nicht leisten. Jeder noch so pseudo-exklusive Inhalt lässt sich in wenigen Minuten von der Konkurrenz kopieren und ausschlachten.

Wachstum bei Springer

Dass es auch anders laufen kann, zeigt mal wieder Axel Springer. Laut finanzen.net vermeldet Axel Springer mittlerweile fast 300.000 zahlenden Digitalkunden für die BILD. Das entspricht einem Wachstum von 25% gegenüber dem Vorjahr. Nun ist die BILD-Zeitung bekanntlich ähnlich wie die britische SUN ein Boulevardmedium. Allerdings ist der deutsche Markt hier anders als der britische. Einem Wettbewerb von Boulevardmedien ist die BILD nur in einzelnen Metropolen wie Berlin, Köln oder München ausgesetzt. National – und vor allem digital – fehlt es an nennenswertem Wettbewerb. Aktuell scheint Springers Strategie hier zu fruchten. Es bleibt jedoch spannend zu beobachten, wie nachhaltig sich zahlende Kunden mit Boulevard binden lassen. In Print sprechen die Kiosk-Verkäufe eine eindeutige Sprache.

Studie: Paid Content als Wachstumstreiber

Ein kräftiges Wachstum für Paid Content prognostiziert auch der Verband der Internetwirtschaft (eco). Laut einer eco-Studie soll die Internetwirtschaft von 40 Milliarden Umsatz in diesem Jahr bis auf 70 Milliarden Euro im Jahr 2019 wachsen. Als Wachstumstreiber werden hier Cloud Computing und Paid Content genannt. So sollen die Umsätze mit Bezahlinhalten in 4 Jahren um 17,6% steigen. Sollte dieses jährliche Wachstum von gut 4% eintreten, wird es in Verlagskreisen vermutlich Ernüchterung hervorrufen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass in der Studie vor allem Musik- und Videostreaming, eBooks und Spiele betrachtet werden. In diesen Content-Segmenten ist der Markt schon weiter entwickelt als bei News und hat das rapide Startwachstum bereits hinter sich.

Mobile Publishing und Monetarisierung

In einem Kommentar auf horizont.net legt Stefan Gerstmeier von Neofonie den Finger in die Wunde vieler Verlage. Er kritisiert die oftmals nicht zeitgemäße Umsetzung mobiler Lösungen:


Vor allem die jungen Nutzergruppen von 19 bis 35 Jahre denken, leben und handeln heute weitestgehend digital auf ihren mobilen Endgeräten. Dabei verzeihen sie wenige Fehler und wechseln radikal den Anbieter. Neben der Usability sind dabei vor allem das Bezahlmodell und der Bezahlprozess die wichtigsten Hürden, die man auf dem Weg zu einer gelungenen, mobilen Lösung meistern muss.

Auch seine finale Einschätzung teile ich: mobile Publishing hat nicht mehr viel mit der Umsetzung von Print gemeinsam. Ich würde das noch erweitern: digitales Publizieren funktioniert völlig anders als in Print. Der Wegfall ganzer Wertschöpfungsstufen (Druck, Logistik) und der damit verbundenen Redaktionsschlüsse sowie die Möglichkeiten zur Interaktion verlangen massiv neue Prozesse. Es wird Zeit, sich aus der produktzentrierten Denke zu lösen und die Arbeitsweisen am Leser auszurichten.

Eine News-Flatrate für Österreich

Nicht selten kommt in der Diskussion um Paid Content die Forderung nach einem „iTunes für News“, bei dem Nutzer quellenübergreifend Bezahlinhalte konsumieren können. Solche kooperativen Angebote sind in der deutschen Zeitungslandschaft noch sehr selten. Blendle ist ein erstes solches Angebot. In Österreich ist nun eine Kooperation von vier Tageszeitungen an den Start gegangen. Unter epaper.at kann man nun Presse, Kleine Zeitung, WirtschaftsBlatt und Standard gemeinsam abonnieren. So weit so lobenswert. Schade ist in meinen Augen, dass es sich um ein ePaper-zentriertes Angebot handelt. Den besonderen Charme entfaltet ein solches Angebot erst durch die komplette Entbündelung. Wenn ich mich zum Beispiel für Fußball interessiere, will ich doch nicht vier Sportteile durchblättern, sondern die relevanten Fußballmeldungen geliefert bekommen. Aber vielleicht kommt das ja noch. Warten wir es ab.

Paris-Terror – Medien lockern Paywalls

Wie das schweizer Kommunikationsportal persoenlich.com berichtet, haben zahlreiche namhafte Medien ihre Paywalls rund um die Terror-Anschläge in Paris gelockert. Sie nennt unter anderem die NZZ, die New York Times oder die Financial Times. Das zeigt, dass man mit einer Paywall flexibel reagieren kann. Sei es auf aktuelle Ereignisse, um dem publizistischen Auftrag nach zu kommen oder im Hinblick auf Marktereignisse, wie die New York Times schon mehrfach bewiesen hat. Ich fänd es schön, wenn man in Deutschland dieser Offenheit zur Flexibilität mit mehr Wohlwollen begegnen würde. Hierzulande hat man oft das Gefühl, dass solch agilen Veränderungen gescheut werden, weil man damit eingesteht, dass die ursprüngliche Annahme falsch war. Vielleicht hat das kulturelle Gründe. Im Ingenieurland Deutschland geht nichts auf den Markt, was nicht perfekt durchdacht ist. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass Innovationen nicht perfekt durchdacht sein können. Deshalb ist dies ein Appell für mehr Experimente und einen offenen Umgang damit. Perfekt wird es eh nicht. Auch wenn wir es gerne so hätten. Wozu diese Denke führen kann, darf der VW-Konzern aktuell schmerzhaft durchleben.

Wie immer freue ich mich über weitere Links zu Artikeln rund um Paid Content oder eine Diskussion in den Kommentaren unter diesem Artikel.

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