Paid Content Update August 2015

Von großen und ganz kleinen Zahlen: während die New York Times den millionsten Digitalabonnenten begrüßt, möchte das Berliner Startup Satoshipay das Nanopayment umsetzbar machen. Außerdem im August: Funke bringt das Freemium-Modell nach Thüringen und ein bisschen Theorie zu Marktforschung und Markteinführung.

Noch im Mai witterten die ersten schon eine Abkehr von Paid Content bei der New York Times. Dabei hatte man lediglich eine kostenpflichtige App zur Gratis-App umgestellt. Doch jetzt feiern die New Yorker „einen Meilenstein ihr digitales Geschäft“: 1 Millionen Digitalabonnenten. So zeigen sich CEO Mark Thompson und Verleger Arthur Sulzberger selbstbewusst, wenn Sie behaupten, „dass keine andere Nachrichtenorganisation weltweit mit diesen Zahlen oder unserem Online-Gewinn mithalten kann“. So gelesen bei den Branchendiensten HORIZONT-Artikel: New York Times hat mehr als 1 Million Digitalabonnenten und turi2-Artikel: New York Times erreicht 1 Million Online-Abonnenten.

Felix Richter vom Statistik-Portal statista hat sich einmal die Mühe gemacht und die Entwicklung der Digitalabonnenten im Zeitverlauf anzuschauen. Und siehe da: seit dem Start der Paywall 2011 weist die Zahl der Abonnenten ein ziemlich lineares Wachstum auf, was Richter in diesem Diagramm zeigt:
Infografik: New York Times knackt die Millionen-Marke im Netz | Statista

Erfahrungsberichte aus dem NiemanLab

Dass das lineare Wachstum nicht von alleine kommt, zeigt Ken Doctor im Artikel „Newsonomics: 10 numbers on The New York Times’ 1 million digital-subscriber milestone. Ein sehr lesenswerter Beitrag mit ein paar zentralen Erkenntnissen, die auch deutsche Verlage verstehen müssen. So erklärt Doctor, dass nur zwei Prozent der Website-Besucher zahlende Besucher sind. Aber dass diese zwei Prozent mehr Aufmerksamkeit und Engagement zeigen als die übrigen 98 Prozent. Das ist in seinen Augen gar nicht schlimm, sondern eine Erkenntnis:

So we can safely say that the business — today’s and tomorrow’s — is built on a narrow slice of people who consume Times content in any given month. That’s not a problem — it’s just a realization for all digital news companies. Loyal core readers build the foundation of the new business.

Eine zweite zentrale Erkenntnis ist, dass 12 bis 13 Prozent der Digitalabonnenten außerhalb der USA leben, also außerhalb des Verbreitungsgebiets. Auch das können deutsche Regionalzeitungen lernen: ein Leser ist nicht zwangsläufig verloren, wenn er aus dem Verbreitungsgebiet zieht. Die Grenzen von Produktion und Logistik existieren im Netz nicht. Zum Schluss gibt Doctor noch einen Ausblick. Neben dem gelernten Abo-Modell fehlen auch der New York Times Angebote, für die junge mobilen Zielgruppen bereit sind zu zahlen. Auch hier ist der Umgang nicht etwa Gram oder die Suche nach dem Schuldigen. Ken Doctor schreibt fast lapidar:

Expect new experimentation in 2016.

Diese Experimentierfreude, das regelmäßige Analysieren der relevanten Kennzahlen sowie Investitionen in Redaktion und digitales Marketing machen wir aus der Ferne als Erfolgsfaktoren der NYT aus.

Von New York nach Koblenz

Ähnlich transparent wie die New Yorker teilen ja bekanntlich die Kollegen von der Rhein-Zeitung in Koblenz ihre Erfahrungen mit Paid Content. Und auch hier ist eine relativ lineare Entwicklung der zahlenden Nutzer zu erkennen. Marcus Schwarze zeigt wieder aktuelle Zahlen. So kommen z.B. jeden Monat ca. 40 neue Jahresabonnenten dazu. Das wirkt vergleichsweise klein, aber Koblenz ist nicht New York und für die Million hat die NYT ja eben auch vier Jahre gebraucht.

Funke: Paid Content ist tot lebt!

Zum 1. September führt die Funke Mediengruppe bei ihren Thüringer Zeitungstiteln das Freemium-Modell ein. Das ist insofern überraschend, als dass ein prominenter Funke-Vertreter noch im Juli für tot erklärt hat. Die Rede ist von Jörg Quoos, seines Zeichens Chefredakteur der Funke-Zentralredaktion, die alle überregionalen Inhalte zuliefert. Aber vielleicht ist das ja gar kein Widerspruch, sondern der Grund für das Freemium-Modell: die Inhalte der Zentralredaktion bleiben kostenlos und nur lokale Inhalte bekommen ein Preisschild. Wir sind gespannt auf die Einführung im September!

Paywall-Anbieter fusionieren

Der österreichische Standard berichtet von der Fusion zweier Anbieter von Paywall-Lösungen: das amerikanische Unternehmen Tinypass und der slowakisch-österreichische Anbieter Piano. Interessant ist die Äußerung von Tinypass-Chef Kaufman, dass Geld nur eine mögliche Währung der Paywall ist. Als Alternativen nennt er Daten, Aufmerksamkeit für Werbung und Bindungsbereitschaft, z.B. durch Newsletter-Abo. Auf jeden Fall lässt sich mit dieser Denke auch ein Nutzerlebenszyklus bilden und bewerten, an dessen Ende idealerweise das bezahlte Abo steht. Der Weg dahin wird für viele Verleger zur Geduldsprobe. Aber vielleicht findet Kaufman dank seiner (ausgebauten) Marktstellung ja das nötige Gehör.

Nano ist das neue Micro

Während die großen Zahlen oben bestätigen, dass das beliebteste Modell nach wie vor das Abo ist, aber wie Ken Doctor schreibt, ja nur bei den loyalen Kernlesern funktioniert, stellt sich seit jeher die Frage nach einer Möglichkeit auch einzelne Inhalte (z.B. Artikel) an flüchtige Nutzer zu verkaufen. Das verhindern bislang zwei Faktoren:

  • Micropayment ist für Beträge unter 1 Euro nicht wirtschaftlich rentabel. Der Aufwand für die Buchhaltung und/oder den Payment-Anbieter stehen in keinem Verhältnis zum Ertrag
  • Beträge ab 30 Cent pro Artikel sind für den Nutzer nicht attraktiv, da er zum Einen nicht weiß, was er da kauft und zum anderen ist der Bezahlprozess für solch einen Kleinstbetrag ziemlich aufwendig. Mit anderen Worten: auch für den Nutzer stehen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis.

Einen Ausweg aus dieser Misere entwickelt aktuell das Berliner Startup SatoshiPay. Im Interview mit dem Bitcoin-Blog The Coinspondent erzählt Gründer Meinhard Benn, wie das funktionieren soll. Hier seine wichtigsten Statements zusammengefasst:

  • „Micropayment ist einfach nicht klein genug.“ Es soll möglich sein, Beträge kleiner als 1 Cent zu bezahlen.
  • Nanopayment kann nicht innerhalb geschlossener Systeme funktionieren. Mit anderen Worten: der Nutzer will nicht pro Geschäft eine eigene Geldbörse mit sich führen, sondern eine für alle.
  • Nutzer können die Qualität von Artikeln nicht vorab beurteilen. Aber sie können absatzweise beurteilen, ob sie noch weiterlesen möchten. Daher der Gedanke, den jeweils nächsten Absatz für einen Nano-Betrag freizuschalten.
  • Bitcoin und WordPress zum Start. Zum Start nutzen die Berliner Bitcoin als Währung und ein WordPress-Plugin als technische Basis, um hier die größtmögliche Verbreitung zu ermöglichen.

Natürlich stecken dahinter noch sehr viele Fragezeichen. Aber ich finde den Ansatz durchaus spannend. Vor allem weil wir in Paid Content Projekten immer wieder kritisieren, dass Anreize fehlen für einen Artikel oder gleich ein ganzes Abo zu bezahlen. So sprengt SatoshiPay die Informationsbündel noch weiter auf: man zahlt nicht mehr für den zeitlichen Bezug einer Zeitung oder einen einzelnen Artikel, sondern nur noch von Absatz zu Absatz. Für den Einzelfall klingt das nach „nicht mal lousy pennies“, aber wenn die Nutzer das annehmen und ein plattformübergreifender Standard daraus wird (was Bitcoin in manchen Sphären ja schon ist), würde eine wesentliche Hürde für Paid Content wegfallen: die mangelnde Attraktivität des Artikel-Einzelkaufs.

Egal, ob große oder kleine Zahlen. Sowohl die New York Times als auch SatoshiPay sind auf der Suche nach Modellen für neue ungebundene Zielgruppen. Und dabei leben beide, was wir fast mantramäßig predigen: Experimentierfreude. Von daher ist der Paid Content August weniger Sommerloch und viel mehr Mutmacher! Ich freue mich wie immer über Meinungen, andere Beispiele und Fragen unten in den Kommentaren.

Alle Beiträge von Lars

Unsere meistgelesenen Beiträge

Zwei Jahre Chromebook: Ein Erfahrungsbericht

Google Chromebook
|
Gute 25 Jahre PC-Nutzung - von Anfang an mit Windows. Dann raucht im wahrsten Sinne des Wortes mein teures und gar nicht so altes Lenovo-Notebook ab. Und ich bestelle mir einfach ein Chromebook und bin schneller weg aus der Windows-Welt, als ich es für möglich gehalten hätte. Zwei Jahre ist das nun her - und ich habe zwischendurch immer wieder über meine Erfahrungen mit dem Chromebook berichtet.