Native Advertising – Erst das Fressen, dann die Moral?

Ich bin über Native Advertising auf der Seite des schweizerischen Tages-Anzeigers gestolpert. Was ich dort las brachte mich zum Weinen.

Native Advertising scheint die eierlegende, krebsheilende Wollmilchsau unter den Werbeformen zu sein. Endlich weg von immer hirnverbrannterer und nerviger Bannerwerbung, endlich wieder Mitspracherecht auf der eigenen Plattform. Keine offene Angriffsfläche für Malware mehr! Endlich wieder Ausspielen der eigenen redaktionellen Kernkompetenz! Partyhüte für alle!

Wäre da nicht das kleine Problem mit der Moral. Davon lassen sich einige mehr, andere minder und eine Handvoll gar nicht aufhalten. In welche Kategorie der Tages-Anzeiger da gestolpert ist, will ich gar nicht benennen. Doch machen wir zuvor einen kleinen Ausflug zu der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz:

Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Journalisten jede Form von kommerzieller Werbung und akzeptieren keinerlei Bedingungen von seiten der Inserenten.

Diese Aussage wird durch Native Advertising potentiell aufgeweicht, denn sie ist oft nur durch ein kleines Feigenblättchen auf dem „Sponsored Content“ oder Ähnliches steht überdeckt. Bei beknackter Bannerwerbung kann sich die Redaktion noch immer glaubwürdig distanzieren. Bei Native Advertising nicht, denn hat sie davon gewusst, hat sie ihre journalistischen Pflichten vernachlässigt. Hat sie nichts davon gewusst und den Inhalt einfach auf die eigene Plattform gestellt, hat sie ihre journalistischen Pflichten vernachlässigt. Bei schlechtem Native Advertising trifft der Verlust an Vertrauen und Ansehen direkt die Redaktion. Wenn es dann noch eine Entgleisung, wie die hier ist, ist das Vertrauen nachhaltig gestört.

Texte, die volles Vertrauen erwecken.
Texte, die volles Vertrauen erwecken.

Gestolpert bin ich über dieses Artikel – lustigerweise – in einem Artikel über Schrottjournalismus, in dem der Tages-Anzeiger anmerkt, dass die FAZ ein Zitat von seinem Kontext befreit hat, um daraus reißerischere Überschrift zu stricken.

Könnte ich so direkt in ein paar Journalistengruppen auf Facebook werfen.
Könnte ich so direkt in ein paar Journalistengruppen auf Facebook werfen.

Was mich in diesem Augenblick stutzig machte, war das winzig kleine „Sponsored Content“. Was ich erst als 08/15-Bannerwerbung aus der unteren Schublade identifiziert hatte, war tatsächlich ein Artikel. Und was für ein grenzwertiger! Ich haue euch ein paar Auszüge um die Ohren:

„Wie aktuelle Studien belegen, sind immer mehr Frauen bereit, sich für einen besseren Lebensstil auf ein sexuelles Verhältnis mit einem Mann einzulassen.“

OK, welche Studien?

„Häufig stellen sie auch keine direkten Forderungen, sondern freuen sich über ein wenig finanzielle Unterstützung oder den geheimen Glamour-faktor, mit dem sie ihrem echten Leben die richtige Würze verpassen. Die «Sugar Daddys» haben hier oft auch eine Art Mentorenrolle für ihre Eroberungen.“

Steile These. Wo kommt sie her? Und vor allem: Gegenperspektive?

Als Schwabe bin ich ja durchaus ein Anhänger des Materalismus, aber das Menschenbild, das hier so kokett als unproblematisch und „win win“ hingestellt wird, dürfte jede(n) Gleichstellungsbeauftragte(n) zu einem Stirnrunzeln verleiten, dass die Schädeldecke knacken lässt.

Nach dem durchaus interessanten Artikel über Gauweiler, Boateng und Kontext, der über einen Bekannten in meine Timeline gespült wurde, war ich ehrlich schockiert. Denn hier wurde leichtfertig Glaubwürdigkeit für eine Handvoll Euro verspielt – Ich hoffe für den Tages-Anzeiger, dass es eventuell auch zwei Handvoll waren. Nicht wegen dem Thema, nicht wegen den aufreizenden Bildchen, sondern weil ein gefährlicher Kacktext einfach so hingenommen wurde.

Das, was ich am Journalismus respektiere und auch in der Zusammenarbeit mit Journalisten so großartig finde ist, dass die Moral vor dem Fressen kommt – oder es zumindest das erklärte Ziel ist.

Ich bitte euch, sorgt dafür, dass es so bleibt. Es gibt schon genug Leute, die mir im Internet Scheiß verkaufen wollen, werdet nicht auch noch zu welchen.

So long,

Peter

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