Peters Kolumne: Marketing aus der Hölle – Papier das gut riecht

Ich bin ein geduldiger Mensch. Ich ruhe in mir. Wenn die anderen Strategen das hier lesen, liegen sie vermutlich lachend unterm Tisch. Egal. Auch wenn ich mich aufrege, tue ich das mit einer gewissen Ruhe, das nennt sich Sarkasmus und ich kann das gut. Aber manchmal ist es sogar mir zu viel und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, kam per Post und verstopfte meinen Briefkasten. Willkommen in Peters Kolumne über duftendes Papier und goldene Plastikkärtchen.

Ihr seid nicht meine Freunde, ihr seid nützliche Bekannte

Malen wir uns ein Szenario aus: Jeder von euch hat diesen einen Bekannten, der irgendwas gut kann. Der aber gleichzeitig einen schrägen Fimmel hat, der sich darum dreht irgendwelchen Scheiß (und ich wähle das Wort hier mit bedacht) in eurem persönlichen Raum zu platzieren, weil er dem tragischen Irrtum unterliegt, damit irgendwie in euren inneren Zirkel vorzurücken. Jedes Mal, wenn euer Computer, euer Auto oder euer Fernseher Zicken macht, greift ihr nach einer kurzen Überlegung, die Faust gegen das ungnädige Schicksal geballt, zum Telefon: „Hey, ja lange nicht mehr gesehen. Du, ich hab da mal ne Frage…“

Im nächsten Schritt versucht ihr euch hektisch dran zu erinnern, wo verdammt die Winkekatze verstaut ist, die er beim letzten Mal dabei hatte. „Die habe ich aus meinem Urlaub in Thailand mitgebracht, toll wie spirituell da die Leute noch sind.“ Schließlich muss das Mistvieh irgendwo prominent stehen, damit das gebrechliche soziale Gefüge aus Geben und Nehmen nicht ins Wanken gerät.

Winkekatze
Auch ein super Weihnachtsgeschenk, ehrlich!

Kurze Zeit später steht er vor der Tür, behebt euer Problem in 3.5 Sekunden und hat sich so quälende 45 Minuten soziale Interaktion verdient, die damit beginnt, dass er sich freut, dass die Winkekatze in der Küche steht, aber die leere Batterie bemängelt. „So funktioniert das nicht mit dem Glück!“ Kurz darauf zieht er eine neue, bessere, noch hässlichere und solarbetriebene Winkekatze aus seinem Rucksack. Ihr habt jetzt zwei Winkekatzen, für immer.

Euer Print-Marketing-Material ist nervtötend

Zurück zu meinen Versicherungs- und Bankdienstleistern. Jedes Mal, wenn ich einen Umschlag meiner Bank aus dem Briefkasten ziehe, ist mein erster Gedanke „Schon wieder irgendwas zum Ausfüllen, Abheften oder Wegwerfen.“ Was sich in 99% der Fälle bewahrheitet. Dieses Mal war der Umschlag dick und es war eine Plastikkarte drin. Ich hatte vor kurzem erst einen neuen Satz Karten bekommen, daher war die erste Annahme „Heilige Scheiße, ist was mit meiner Karte passiert?“ Hoch gerannt, Umschlag zerrupft, Inhalt rausgeschüttelt und gelesen „Sehr geehrter Herr Klement, bla bla bla 10 Jahre Mitglied, bla bla bla ich freue mich Ihnen Ihre goldene EC-Karte zu übersenden.“ Eine goldene EC-Karte. Ernsthaft.

So sehr ich das Volksbankenmodell auch schätze und deshalb auch noch immer dort bin, ich hatte so ein kleines bisschen Mordgedanken. Das Gute ist, ich kann den Bösewicht Howard Payne aus Speed (1994) jetzt viel besser verstehen, der war auch not amused als er eine goldene Uhr bekam. Ich hatte jetzt zwei EC-Karten, davon eine schön goldig mit einem Profil von Herrn Raiffeisen, dazu einen maschinengeschriebenen Brief. Wissen Sie was ich ein bisschen geiler gefunden hätte: Was Praktisches, eine Beratung, von mir aus auch ein Fünf-Euro-Gutschein für irgendein Affiliate-Gedöns.

Harry Temple: Oh come on, thirty more years of this, you get a tiny pension and a cheap gold watch.

Weiter zur R+V, da ist es noch einfacher: Als Schwabe tendiert man zum Klüngel, ich bin bei der Volksbank wegen dem Klüngel (weil do s’Geld halt im Ort bleibt, gell) und bei der R+V, weil dann s’Geld halt in der Familie bleibt, gell. Das weiß die Marketingabteilung natürlich nicht, so fair muss man sein. Aber gerade daher könnten sie sich vorsichtshalber auf eine respektvolle Kommunikation beschränken, was in diesem Fall auf Augenhöhe und ohne Nippes bedeutet.

Ihr kennt mich nicht, tut nicht so als ob

Es fängt damit an, dass ich wieder einen dicken Umschlag von der Versicherung im Briefkasten habe und das ist auch immer Arbeit oder Müll. Doch was ich dann las, irritierte mich erst leicht und lies mich dann „Are you fucking kidding me?“ rufend aus dem Zimmer laufen: „Ihr Plus: KFZ-versichert nach ihrem Geschmack. Service und Leistungen, so individuell wie Sie.“ Liebe R+V, ich habe keinen Versicherungsgeschmack und werde nie einen haben.

Ich akzeptiere die Notwendigkeit einer Versicherung und weiß gute Dienstleistung zu schätzen. Mir ist aber noch nie, beim Unterschreiben einer günstigen Police, ein wohliger Schauer über den Rücken gelaufen. Ich schätze, das dürfte für die meisten Menschen zutreffen. Falls es da bei Ihnen im Hause viele Menschen gibt, die das anders sehen, lassen Sie sie bloß nicht ins Marketing.

Werbung für eine Versicherungspolice
So ne Briefwurfsendung, die mir meine Individualität bestätigt ist Balsam für die Seele. Wäre da nicht der Duftbaum, ich habe begründete Angst vor der Duftnote, die hinter dem Plastik lauert.

Der nächste Satz legt noch einen oben drauf: „Ihr Auto ist für Sie nicht einfach nur ein Auto. Deshalb bieten wir auf Sie zugeschnittene Versicherungslösungen und Beratung, passend zu Ihren Wünschen und Bedürfnissen.“ Mein Auto ist für mich einfach nur ein Auto, ernsthaft. Da gab es jede Menge Beiträge, dass meine Generation auf einmal Autos nicht mehr so geil findet. So was können Sie gerne an André schicken, der hat noch eine emotionalere Beziehung zu diesen Kisten.

Für mich ist ein Auto ein Werkzeug. Es muss gepflegt werden, es muss auch versichert sein, denn es wiegt über eine Tonne und man kann damit ganz schön Schaden anrichten. Der Punkt, an dem ich dann ein bisschen die Contenance verloren habe, war als der Duftbaum aus dem Umschlag fiel. Liebe R+V, Ihnen ist klar, dass ich den ganzen Mist zum Altpapier bringen muss? Ich fahre ja auch nicht in Ihrem Büro vorbei, damit ich ein paar dicke Porzellanengel verteilen kann, um eine andere Stimmung in den Laden zu bringen, in dem Leute augenscheinlich Versicherungsgeschmack haben. Gnade Ihnen Gott, wenn die nicht genau da stehen, wo ich sie hingestellt habe, wenn ich in zwei Wochen wieder vorbeikomme.

Lasst uns doch Geschäftspartner bleiben

Ein Putto der unaussprechliche Dinge mit einem abgetrennten Ungeheuerkopf tut
Damit würde das Großraumbüro so richtig aufgewertet!

Wie dem auch sei, liebe R+V, liebe Volksbank. Duzen ist OK, oder? Ich schätze euch als Dienstleister, versucht nicht meine Freunde zu sein, dafür kennt ihr euch mit Comics und Computerspielen viel zu wenig aus. Und wenn ihr mir noch mehr Nippes schickt, dann behalte ich mir das recht vor in euren Geschäftsstellen neben dicken Porzellanengelchen auch Winkekatzen aufzustellen, denn wir sind ja Freunde und da bedenkt man sich ja gegenseitig mit kleinen Aufmerksamkeiten für den Wohnraum.

Ich bin ein wirklich dankbarer, weil fauler Kunde: Verarscht mich nicht, seid professionell (nicht mal übertrieben nett!), löst meine Probleme, die eure Expertise betreffen und wir werden eine lange, glückliche Geschäftsbeziehung haben. Und jetzt raus aus meinem Wohnzimmer und nehmt euren Duftbaum mit.

P.s.: Ich weiß, dass es kein Baum ist. Aber Duftkreuz, naja.
P.p.s.: Mehr Peter-Content? Mehr Peter-Content!

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