Manuelle Abstrafung deutscher Tageszeitungen durch Google

Diese Abstrafung kam mit Ansage - und trotzdem trifft sie viele Tageszeitungen völlig unerwartet: Google hat offenbar diese Woche eine ganze Reihe deutscher Tageszeitungen manuell abgemahnt. "Aufgrund unnatürlicher Links von Ihrer Website hat Google eine manuelle Spam-Maßnahme gegen Sie verhängt." - so wurden die betroffenen Verlage von Google informiert, sofern sie die Google Webmaster Tools verwenden.

Advertorials (bezahlte, verlinkte Beiträge im redaktionellen Gewand) waren in der Vergangenheit eine gute Einnahmequelle für die Websites von Tageszeitungen. Aus folgendem Grund:

Die meisten Tageszeitungen genießen ein recht hohes Ansehen bei Google, da sie dem Nutzer viel relevanten und meist hochwertigen Content bieten. Nicht selten beziehen die Tageszeitungen daher auch zwischen 40% und 70% ihres Traffics über Google. Google vermittelt die Suchenden gerne an hochwertige Seiten. Wenn ein Nutzer mit einem Treffer zufrieden ist, steigt für die Suchmaschine die Wahrscheinlichkeit, dass der Nutzer sie bei der nächsten Suchanfrage wieder benutzt. Ist ein Nutzer hingegen wiederholt unzufrieden mit den Treffern, steigt das Risiko, dass der Nutzer irgendwann die Suchmaschine wechselt.

Ein für Google wichtiges Kriterium bei der Qualitätsbewertung einer Seite ist die Anzahl und der eingehenden Links sowie die Qualität der verlinkenden Seiten. Stark vereinfacht: Wenn eine gut bewertete Seite eine weniger gut bewertete Seite verlinkt, wird dies als Vertrauens-Beweis gesehen und hebt die Qualität der Seite, auf die der Link zeigt.

Aus diesem Umstand hat sich in den letzten Jahren ein Geschäftsmodell entwickelt, bei dem Websites mit guter Google-Bewertung gegen Geld auf Websites mit schlechterer Bewertung verlinken.
Betreiber von schwachen Websites profitieren also davon, wenn sie einen Link von einer Tageszeitung erhalten. „Advertorial“ nennt sich dann oft das gut getarnte Format, bei dem Werbung in redaktionelle Kleider gehüllt und mit Links versehen wird. Aus Google-Sicht handelt es sich hier aber nicht um hochwertigen Content – weil er ja nur dazu dient, einen Link zu verpacken.

Dann ändert ein Tweet von Google Chef-Spam-Bekämpfer Matt Cutts so einiges:

Bei vielen Website-Betreibern begannen eilige Aufräum-Arbeiten – und Google machte das „more to come“ schnell wahr:

Und offenbar hat es in dieser Runde auch eine ganze Reihe von Deutschen Tageszeitungen erwischt. Die Liste der Namen ist lang – und trotzdem nicht vollständig:

Liste nicht vollständig, Quelle: http://www.ads2people.de/blog/pagerank-penalty-deutsche-tageszeitungen/
Liste nicht vollständig, Quelle: http://www.ads2people.de/blog/pagerank-penalty-deutsche-tageszeitungen/

Was ist passiert, warum wurden/werden die Verlage abgestraft?

Letztendlich hat ein teilnehmender Verlag nichts Verbotenes getan – es handelt sich eher um eine betriebswirtschafliche Abwägung mit der Frage: Was bringt mehr? Viele Besucher über Google – oder Advertorials?
So lange Google Deutschland nicht im Visier hatte, hat beides zusammen gut funktioniert.
Wer sich für die Advertorials entschieden hat, hat damit aber auch bewusst oder unbewusst in Kauf genommen, dass dieses Geschäft nur kurz- bis mittelfristig funktionieren kann: Stuft Google eine Seite herab, wird sie gleichzeitig uninteressant für die zahlenden Link-Partner – die Geschäftsgrundlage fällt weg. Und im schlimmsten Fall ebenso der Traffic, der ja Grundlage aller weiteren Geschäftsmodelle ist (Anzeigenvermarktung, Paywalls, Abo-Vertrieb etc.).

Was jetzt tun, wenn Sie auf den Google Traffic nicht verzichten können/wollen?
Die gekauften Links sollten auf jeden Fall entfernt werden. Mit der Frage, ob man einen bezahlten Link einfach so entfernen darf beschäftigt sich Eric Kubitz hier recht ausführlich.
Und Eric Kubitz beschreibt ebenfalls, was bei einer „Manual Spam Action“ zu tun ist.

Und wir fragen uns, ob es das wirklich wert war?
Unzufriedene Nutzer (wenn sie es denn gemerkt haben, was ihnen da an faulen Artikeln untergejubelt wurde?) und plötzlich heftig einbrechender Google Traffic für zugegeben schnell & einfach, aber riskant verdientes Geld?
Das Risiko istwar auf Seiten der Tageszeitungen jedenfalls deutlich größer, als auf Seiten der Link-Partner: Die Verlage verlieren mühsam aufgebaute Reputation und damit Google-Traffic – die Link-Partner verlieren nur einen guten Link.

Die Abstrafung mit Traffic-Verlust wirkt sich jetzt auf die Anzeigen- und Vertriebserlöse aus. Einige der betroffenen Verlage planen oder betreiben auch Paywalls und verlieren nun erstmal einen Teil des Potenzials, diese auch mit frischen Nutzern zu versorgen.

„Die Paywall funktioniert doch sowieso nicht“ höre ich manch einen Verantwortlichen nun murmeln. Ursache/Wirkung, Henne/Ei – schwirrt mir dazu im Kopf herum. Oft stimmt die Aussage, aber oft gibt es ebenso gute Gründe. Aber die sind hier im Blog schon teilweise aufgearbeitet und werden uns auch in Zukunft beschäftigen.

(Spam-Foto von epsos.de über Flickr)

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