„Mach mal was zu Firmenkultur“ hat sie gesagt…

Es war eine dunkle, stürmische Nacht. Sie blickte ihn an aus ihren geheimnisvollen, grünen Augen und hauchte "Mach mal was zur Firmenkultur". Wie eine Marmorstatue stand er da, schweigend, majestätisch. Bis er schließlich sprach "Echt jetzt, Firmenkultur?". Genau so isses passiert! Ich schwörs!

Manchmal ist es gut um Hilfe zu fragen – danke Stephan, für das gute Feedback zu einem Angebot – manchmal ist es aber auch eher so mittelgut, vor allem wenn es um das schwer in Worte zu fassende Thema „Firmenkultur“ geht – danke, Mira, Merkel und Obama!

Was es nicht sein sollte: Ein Korsett voller leerer Versprechungen

Der Ärger fängt damit an, dass der Begriff „Firmenkultur“ oft nur der feuchte Traum des oberen Managements ist. Das glaubt seit den frühen Zweitausendern, dass eine Kaffeemaschine, Gratisobst und einen Tischkicker schon reichen werden, damit das Fußvolk sich für einen ins Schwert stürzt und über so kleine Dinge, wie Überstundenausgleich und ein solides Gehalt, gern hinweg sieht.

„Kultur“ ist so ein kompliziertes Dingsbums, dass sich seit dem frühen 20. Jahrhundert Wissenschaftler darüber streiten, wie es den eigentlich funktioniert, welche Knöpfe es hat und welche man drücken darf und welche nicht.

"Was weist du über Firmenkultur" fragte sie mit tränenerstickter Stimme
„Was weist du über Firmenkultur?“
fragte sie mit tränenerstickter Stimme

Ich versuche es mal mit einer verschwurbelten These, in der es viel um Raum und Bewegung geht: Es gibt den persönlichen Raum, den beruflichen und die Beweglichkeit im persönlichen und professionellen Bereich, die für unsere Zwecke eben hoch oder niedrig sein kann. Wenn also Herbert an der Stanze von Linie 3 den Meister duzt und fragt, ob er nicht mal was anderes machen kann, dann gibt es Ärger. Denn der persönliche und berufliche Raum von Herbert ist extrem eingeschränkt: Mehr als zu stanzen erwartet keiner von ihm und seine Vorgesetzten zu duzen oder mit ihnen einen heben zu gehen, verbietet das strikte Protokoll eines mittelständischen Unternehmens.

Das klingt jetzt ein bisschen nach dieser clevere Mottoshirts tragenden Kreativenüberheblichkeit, aber so meine ich das gar nicht. Solche Strukturen sind effizient und viele fühlen sich dort auch pudelwohl. In meiner Zeit beim Bund habe ich einige solcher Leute getroffen, die dort regelrecht aufgeblüht sind. Andere waren nach wenigen Monaten mit den Nerven völlig runter. Letzteres könnte aber auch genauso in einer einer hippen, pädagogischen Einrichtung passieren, in der aus experimentellen Gründen alle alles dürfen.

Die Kultur muss zur Aufgabe passen

Ich war in Firmen, die mit extrem starren Strukturen versucht haben community-orientierte Produkte weiter zu entwickeln, mit unguten Folgen für Personal und Produkt. Denn der alte Raketenwissenschaftlerspruch „Mit genug Schub fliegt auch ein Ziegelstein“ trifft hier auch zu. Nur muss dafür etwas verbrannt werden und das sind in den meisten Fällen die Mitarbeiter. Genau so habe ich erlebt, dass es zwar einen weiten beruflichen Raum gab, in dem sich die einzelnen Mitarbeiter relativ frei bewegen konnten, doch gleichzeitig wurde der persönliche Raum nicht respektiert und dazu genutzt die beruflichen Felder forciert auszuweiten oder zu verkleinern.

"Was ist Firmenkultur? Spuck es aus, du Hund!"
„Was ist Firmenkultur? Spuck es aus, du Hund!“

Mit der Folge, dass unter den Mitarbeitern zwar ein fantastischer Zusammenhalt herrschte, aber jedes neue Projekt erst als Verletzung des persönlichen Raums wahrgenommen wurde, mit der es auch oft einherging. Dazu kam, dass die persönliche Beweglichkeit sich von oben nach unten deutlich verringerte. Ich denke der Begriff des „herrschaftlichen Du“ bringt es ganz gut auf den Punkt: Als dein Vorgesetzter kann ich dir gegenüber persönliche Bemerkungen machen und dich über diese Schiene in deinem professionellen Feld einschränken und wenn du das auf der persönlichen Ebene zurückschieben willst, gibt’s ein Mitarbeitergespräch mit Protokollant.

Solche Strukturen sind oft schwer aufzulösen und viele Firmen sind an diesem Zusammenprall von Kultur und Aufgabe zerbrochen und viele werden noch daran zerbrechen. Weil Kultur eben ein kompliziertes Dingbums ist und unsere Ära nun mal mehr Menschen hervorbringt, die einen höheren Wert auf ihre Individualität legen als noch zu Kaiser Wilhelms Zeiten. Deshalb hat die Bundeswehr ja auch solche Nachwuchsprobleme und Castingshows nicht.

Für Sie noch immer HAUPTMANN Bohlen und jetzt geben Sie mir fünfzig amateurhafte Cover Songs, Gefreiter!

Warum unsere Firmenkultur so gut funktioniert lässt sich auch über Räume und Beweglichkeit erklären. Die Strategen bei denen ich im Oktober 2015 angefangen habe, sind nicht die Strategen, mit denen ich heute arbeite. Jeden von euch hatte vermutlich mindestens einen Lehrer, den auch eure Eltern schon hatten und was bei diesem Lehrer gelernt wurde, war das gleiche wie schon Jahrzehnte zuvor, inklusive der doofen Witze. Hier ist das anders und einem permanenten Flusszustand, was sich praktischerweise ganz gut mit einer Agentur verträgt, deren Tagesgeschäft ständig wechselnde Projekte sind. Als Stratege im ersten Jahr bringe ich eine ganz interessante – wenn auch schwindende – Außenperspektive mit: Von außen betrachtet wirken die netzstrategen wie eine Horde Einzelkämpfer, die halt so Internetsachen machen: Die einen SEO, die anderen Google Analytics, einige Strategieberatung und wenn es das Projekt erfordert, rotten sie sich zu einem Kompetenzknubbel zusammen, um ein Problem zu lösen. Für mich als eine digitale Version von Herbert an der Stanze von Linie 3 wirkte das etwas befremdlich: Wer ist verantwortlich, wie verläuft die Ressourcenzuteilung, WER IST SCHULD, HERRGOTTNOCHMAL und hat Dominik gerade tatsächlich versucht mir den Finger ins Ohr zu stecken?!

"Firmenkultur? Nur ein McGuffin, Sie Narr!"
„Firmenkultur? Nur ein McGuffin, Sie Narr!“

Doch diese Flexibilität und Beweglichkeit im persönlichen und beruflichen Raum macht diese Horde augenscheinlicher Einzelkämpfer so einzigartig in der Projektarbeit. Unsere Projektpartner werden Teil des Strategenuniversums und sind nicht nur eine Kraft, die von außen Aufgaben und Anforderungen in unseren Mikrokosmos drückt – und ja, mit gar nicht wenigen gehen wir dann auch mal einen trinken. Mit jedem Projekt verändern wir unsere Projektpartner, aber auch uns selbst. Denn Stephan ist jetzt mit Sicherheit ein kleines bisschen Gabi.

Innerhalb der Agentur haben wir viele Freiräume, in denen wir uns auch frei bewegen können – und auch ein Stück weit müssen. Jeder von uns kann seine Spleens in die Gemeinschaft einbringen, die aber gleichzeitig so flexibel ist, dass nichts davon überhand nimmt oder zur Selbstverständlichkeit wird, die andere möglicherweise in ihrem persönlichen oder beruflichen Raum einschränkt: Dazu gehören unter anderem ein Haufen Nerf Guns, der Drinnen- und der Draußenball, Daniels Musikgeschmack, Andrés kleine Aussetzer, wenn er müde oder bei Bier Zwei oder beides ist und Miras Bedürfnis in zufälligen Intervallen zufällige Strategen bei zufälligen Tätigkeiten zu knipsen und in irgendwelche Social-Media-Kanäle zu spülen. Was in einer anderen Firmenkultur zu Ärger führen würde, wird bei uns nach einer kurzen Eingewöhnungsphase in die Strategenmatrix integriert.

Do you even „Mobilis in mobile“, bro?

Doch diese hohe Mobilität muss man auch abkönnen, denn sie ist mental fordernd. In den vorherigen Jobs habe ich nach der Arbeit noch über Spiele und Comics geschrieben. Auch nach fast einem Jahr bei den Strategen liegt das noch immer auf Eis, weil ich schlicht und ergreifend auch eine gewisse Zeit pro Tag brauche, um mein Hirn wieder runterzufahren. Gleiches gilt für den persönlichen Raum: Flache Hierarchien und die enge Gemeinschaft können als immer wiederkehrende Grenzverletzungen wahrgenommen werden, wenn man oder frau wert auf Protokoll und klare Strukturen legen. Aber ich denke das ist der Preis dafür, dass die netzstrategen eben die netzstrategen sein können: Nur so können wir diesen Draht zu unseren Projektpartnern aufbauen, nur so können wir schnell zwischen den Projekten wechseln und nur so kann aus dieser Bande von Individuen eine funktionierende wirtschaftliche Entität werden.

Wie dem auch sei, ich muss noch Dominik den Finger ins Ohr stecken. Nächste Woche dann wieder, nech.

Grüße,

Peter

Alle Beiträge von Peter

Unsere meistgelesenen Beiträge

Zwei Jahre Chromebook: Ein Erfahrungsbericht

Google Chromebook
|
Gute 25 Jahre PC-Nutzung - von Anfang an mit Windows. Dann raucht im wahrsten Sinne des Wortes mein teures und gar nicht so altes Lenovo-Notebook ab. Und ich bestelle mir einfach ein Chromebook und bin schneller weg aus der Windows-Welt, als ich es für möglich gehalten hätte. Zwei Jahre ist das nun her - und ich habe zwischendurch immer wieder über meine Erfahrungen mit dem Chromebook berichtet.