„Karlsruhe, wir müssen reden“ – Eine Intervention

Ich wohne schon seit über einer Dekade in meiner Wahlheimat Karlsruhe und fühle mich dort sehr wohl: Der öffentliche Nahverkehr ist hervorragend. Ich komme mit dem Rad in kürzester Zeit und am Stück überall hin. Doch eine Sache treibt mich immer wieder auf die Palme - wie es in Lebensgemeinschaften halt so ist. Daher kommt jetzt das Operationsbesteck der Küchenpsychologie auf den Tisch und der Onkel Doktor bittet zur Intervention. Karlsruhe, wir müssen über deinen komischen Geltungsfimmel reden.

Wisst ihr, warum Chihuahuas immer zittern? Das Netz sagt, ihnen ist entweder kalt oder sie haben Angst. Ich sage es ist existentielle Verzweiflung und daraus geboren, der nackte Hass auf die eigene Existenz. Ich stelle mir ungefähr so den täglichen Gedankengang einer dieser Fußhupen vor: „Ich war mal ein Wolf, jetzt würde ich gegen einen aggressiven Grashüpfer verlieren. Ich hasse euch, ich hasse euch, ich hasse euch! Mir ist schon wieder kalt. Bald, bald fress‘ ich euch alle im Schlaf, bald. Wenn ich doch nur ein Wolf wäre!“

Jedes Mal, wenn du, liebes Karlsruhe, so ein Marketing-Ding machst, muss ich an einen Wolf denken, der glaubt, dass er ein Chihuahua ist – mit dieser allen Zierhunden zu eigenen komischen Mischung aus Selbsthass und weißglühendem Größenwahn. Und jedes Mal frage ich mich „Wo kommt das her?“ Du hast es doch gar nicht nötig dich so aufzuführen, überlass die markigen Sprüche lieber denen, die das wirklich brauchen, wie zum Beispiel Prinz Marcus von Anhalt – zu dem Herrn später mehr.

Es geht im Kern drum, dass da nicht „Landeshauptstadt“ steht, oder?

Stadtschild Karlsruhe
Nein.

Ich weiß, du hast viel durchmachen müssen und darauf kannst du stolz sein, auch wenn die Sache mit der Zusammenführung 1952 noch immer ein nervöses Zucken im Augenlid bei dir auslöst. Aber die Leute, die mit Stolz gut umgehen können, sind nach meiner Erfahrung die, die nicht so viele Worte darüber verlieren. Was uns zum Badenerlied bringt, ich weiß daran bist du jetzt nicht allein beteiligt. Aber du bist der Leitwolf der Region und da ziehen die anderen halt mit und der Leitwolf denkt im Augenblick, er wäre ein von Minderwertigkeitskomplexen zerfressener Zierhund. Ich denke wir können uns darauf einigen, dass das keine gute Situation ist.

Das Badnerlied

Das schönste Land in Deutschlands Gau’n,
Das ist mein Badner Land,
Es ist so herrlich anzuschaun,
Und ruht in Gottes Hand.
Drum grüß‘ ich dich, mein Badner Land,
Du edle Perl im deutschen Land, deutschen Land,
Frisch auf, frisch auf, frisch auf, frisch auf, mein Badner Land!

Zu Haslach gräbt man Silbererz,
Bei Freiburg wächst der Wein,
Im Schwarzwald schöne Mädchen;
Ein Badner möcht‘ ich sein.
Drum grüß‘ ich dich …

In Karlsruh‘ ist die Residenz,
In Mannheim die Fabrik,
In Rastatt ist die Festung,
Und das ist Badens Glück.
Drum grüß‘ ich dich …

Der Bauer und der Edelmann,
Das stolze Militär,
Die schau’n einander freundlich an,
Und das ist Goldes wert.
Drum grüß‘ ich dich …

Das Lieder derer, die nicht genannt werden

Kennst Du das Land, wo jeder lacht,
Wo man aus Weizen Spätzle macht,
Wo jeder zweite Fritzle heisst,
Wo man noch über Balken scheisst,

Wo jede Bank ein Bänkle ist,
Und jeder Zug ein Zügle,
Wo man den Zwiebelkuchen frisst,
Und Moscht sauft aus dem Krügle,

Wo „daube Sau“, „leck mich am Arsch“
In keinem Satz darf fehlen,
Wo sich die Menschen pausenlos
Mit ihrer Arbeit quälen,

Wo jeder auf sein Häusle spart,
Hat er auch nichts zu kauen,
Und wenn er 40,50 ist,
Dann fängt er an zu bauen!

Doch wenn er endlich fertig ist,
Schnappt ihm das Arschloch zu!
Oh Schwabenland, gelobtes Land,
Wie wunderbar bist Du.

Das Badnerlied wirkt auf mich, als würde der Chihuahua gerade ganz tief luft holen, damit er größer wirkt. Eine Eigenschaft von Großartigkeit ist in den meisten Fällen, dass man den Leuten nicht ständig von der eigenen erzählen sollte. Nur mal so zum Vergleich neben dran, das Lied von deinen Nachbarn, deren Namen nicht genannt werden soll. Das ist irgendwie bodenständiger, oder? Weniger Luftschloss, mehr witzige Selbstkritik. Ich mein‘ „ruht in Gottes Hand“, echt jetzt? Sogar vor, sagen wir mal, Rom?

Ein weiterer Hinweis auf diese anscheinend tiefsitzende Geltungssucht ist die Anfälligkeit für jede kleine Schmeichelei und sei sie noch so Banane. Erinnerst du dich noch das riesige Schild „Karlsruhe ist best christmas city“. Hast du dir das, nur so zum Spaß, ein paar mal laut vorgesagt, um zu checken, ob das nicht irgendwie komisch klingt? Karlsruhe ist „best christmas city“, der Satz ist zwar korrekt, aber auch irgendwie ein bisschen scheiße, so vong Lesegefühl her. Was möchstest du mir damit sagen, wenn du nach Erhalt des Preises erst mal losrennst UND SCHON WIEDER EIN RIESIGES SCHILD AUFSTELLST?!

Stadtschild Karlsruhe
Nein.

Weißt du, was es braucht, damit man sich selber nicht so ernst nimmt und gekonnt durch den Kakao zieht? Eine gewisse innere Größe und die ruhige Gewissheit, dass man sich so etwas lässig leisten kann. Ich glaube, dass du nicht so richtig und ehrlich über dich selber lachen kannst, Karlsruhe. Das macht mir Sorgen, denn ich schätze dich sehr. Diese letzte Nummer auf YouTube stellte diese ungesunde Fixierung auf riesige Schilder in den Schatten und bestätigt mich nur weiter in meiner Annahme. Alle anderen dieser Videos waren meistens clever, witzig und hatten keine Angst sich ein bisschen selber auf die Schippe zu nehmen.

So macht die Schweiz das mit dem witzigen Content-Marketing

Witzig.

Sie teilen in alle Richtungen aus, aber schonen sich selbst nicht: Da sind schon ein paar Brecher drin, mit dem Frauenwahlrecht, DJ Bobo und diesem ganzen Gold, das sie nach dem zweiten Weltkrieg nicht rausgerückt haben.

So machst Du, Karlsruhe, das mit dem witzigen Content-Marketing

Nicht witzig.

Deins wirkt, als würde mir Marcus von Anhalt gerade von seinem geilen Malleurlaub erzählen. Kennste noch, der Typ der sich gegen einen Koffer Geld von Frédéric von Anhalt hat „adpotieren“ lassen, war auch mal zu Gast in deinem Landgericht im Sommer 2003. Dieses Video macht, dass ich das Bild eines leicht solarienverkohlten, lamettabehängten Posers im Kopf habe. Was dazu führt, dass du von der Schweiz in der Kategorie „Humor“ um Längen geschlagen wirst. Der Schweiz, der Nation, die den Banker erfunden hat. Denk mal drüber nach.

Posted by Prinz Marcus von Anhalt on Sonntag, 31. Mai 2009

Nicht witzig.

Also, Karlsruhe. Mehr Wolf, weniger neurotischer Winzling. Groß biste, stark biste, jetzt muss du noch a weng von diesem verkorksten Alpha-Tier-or-bust-Trip runterkommen. Ich hab Dominik gebeten das ganze noch in Meme-Form zu packen, damit du es dir an die Wand hängen kannst.

Sei nicht wie Markus, sei wie Karl.

Weniger laut ist oft mehr gut. Volkswagen macht das zum Beispiel ganz clever. „Volkswagen: Das Auto“. Bäm! So muss das.

Du hast doch viel mit Technologie zu tun, stell dazu doch ein paar riesige Schilder auf, denn da kann dir nicht jeder das Wasser reichen. Besser als „best christmas city“ ist „Technologieregion Karlsruhe“ in jedem Fall, denn wir leben inzwischen ja nicht mehr in einem mythologischen Zeitalter, in dem der, der das beste heidnische Fest veranstaltet, den Ruhm und die Ehre einheimst. Das funktioniert nur noch bei dieser komischen Bacchanalie names Oktoberfest, die im September stattfindet.

Aber München war auch schon immer komisch, wäre gern Hamburg, will aber weiter Trachten tragen. Der Weihnachtsmann ist übrigens auch nur ein saisonaler Arbeitgeber, eher so mittelgut für die Standortentwicklung.

Von mir gibt es ein Vermeidungsziel: Falls deine Selbstdarstellung irgendwann so klingt wie das folgende Zitat des Herrn von Anhalt, lauf in die andere Richtung.

Ich stehe für positive Energie und den “ American Dream“ VOM TELLERWÄSCHER ZUM MULTI-MILLIONÄR – und DU (!!!!) kannst das AUCH !!!!!!!!!

– Prinz Marcus von Anhalt

Also Karlsruhe, tief durchatmen, nicht mit aller Gewalt Erster, Bester, Tollster sein wollen, dann klappt es auch mit der angemessenen Darstellung nach außen – und lern mal ein bisschen über dich selber zu lachen.

In bleibender Freundschaft und Sorge,

Peter

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