Wie setzt man innovative Projekte um?

Es wird allen Teilnehmern so gehen - die Sprecher waren toll, die Vorträge inspirierend, die Gespräche mit den Kollegen haben beflügelt. Aber was wird der Montag bringen, wenn man mit Überschallgeschwindigkeit zurück in den Verlag kommt? So euphorisch man gestimmt gewesen sein mag - aus den Gesprächen entnahm ich Skepsis, was die Umsetzung in den Häusern angeht. Daher hier ein paar Tipps, wie es vielleicht doch klappen kann.

Hand auf’s Herz – die Zeitungsbranche hat ein echtes Problem. An Ideen mangelt es auf keinen Fall – aber an Umsetzungskraft und Veränderungsgeschwindigkeit; an den Ansätzen, wie man die Ideen – oder teilweise ja sogar schon überfällige Notwendigkeiten – in die Tat umsetzen kann . Das ist mir auf dem zweitägigen Kongress „Zeitungen Digital“ des deutschen Verlegerverbands BDZV in Potsdam wieder klar geworden.

Die Vorträge waren klasse, die Ideen darin toll und in vielen der Beispiele hat man ja auch gesehen, dass andere Verlage den Wandel – oder zumindest den Start in den Wandel hinein – geschafft haben.


Viele der Teilnehmer werden nun aber wieder motiviert in den Flieger, in’s Auto oder den Zug gestiegen sein, ein gut gelauntes Wochenende verbringen und am Montag voller Tatendrang zurück in die Häuser kommen – wo sie dann höchstwahrscheinlich innerhalb von zwei bis drei Stunden komplett ausgebremst und zurück auf den Boden der Realität gebracht werden.

Warum ist das so? Woran liegt es, dass Verlage so stoisch in ihrer Situation verharren und sich nur mit einer fast nicht wahrnehmbaren Geschwindigkeit weiterentwickeln?

Ein großer und immer wieder angesprochener Punkt ist sicherlich die Kultur, die in den Häusern herrscht. Und diese hat viel mit den Personen zu tun, die in einem Verlag arbeiten – und auch denen, die ein Verlag als potentieller Arbeitgeber anzieht. Aber auch die festen Strukturen und die zeitfressenden Arbeitsweisen und Kommunikations- sowie Entscheidungswege sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Wären wir so aufgestellt wie ein Verlag – wir wären längst nicht mehr im Markt.

Ich möchte nicht auf jeden dieser summierten Punkte im Detail eingehen – wer sie nicht nachvollziehen kann oder nicht kennt, der ist entweder in einem der wenigen Häuser, in denen Dinge anders laufen oder aber einfach noch nicht so weit, sich mit den Ursachen und nicht den Symptomen zu beschäftigen.

Für alle anderen hier ein paar Gedanken, was man vielleicht sogar schon am Montag angehen könnte:

1. Niemand hat immer recht und niemand weiß alles
Heute noch viel weniger als früher. Sehen Sie Ihren Wissensstand und Ihre Meinung als eine von vielen Optionen an und holen Sie sich weitere Meinungen und weiteres Wissen zu Ihren Gedanken und Ideen – z.B. über Google-Recherchen, über Foren, über einen SCHNELLEN Austausch mit Kollegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie neue Aspekte entdecken ist groß.

2. Zelebrieren Sie offenes und beiderseits angstfreies Feedback
Ein Kollege oder Mitarbeiter muss offen sagen dürfen, wenn sie/er etwas besser weiß oder eine andere, ggf. bessere Idee hat – oder überhaupt einen Ansatz, den sie/er diskutieren möchte. Je öfter Sie ausbremsen, desto weniger wahrscheinlich kommt noch einmal etwas – außer der Resignation oder einer Kündigung.

3. Überdenken Sie nicht alles
Jeder Schritt von Ihnen – egal was Sie tun – birgt rechtliche, technische oder monetäre Risiken. Aber auch 15 einstündige Termine in einer zehnköpfigen Runde kosten sehr sehr sehr viel Geld und werden Sie der Wahrheit nicht näher bringen. Investieren Sie das lieber in die Umsetzung und den Test der Ideen – da lernen Sie mehr, als die gleichen potentiellen Probleme immer und immer wieder durchzukauen.

4. Verzeihen Sie Fehler
Jeder muss alles mindestens einmal falsch machen dürfen – und auch beim zweiten Mal wird es keine Absicht gewesen sein. Wichtig ist, dass man überhaupt etwas tut und dass man danach schlauer ist als davor. Wenn man bei der Einführung eines Produkts Schwachstellen im Prozess findet – oder schlichtweg etwas vergessen hat – dann achtet man eben beim nächsten Mal besser darauf.

5. Stoppen Sie die zeitfressenden Termine, Jourfixe und E-Mails
Führen Sie einen Abteilungs-, Projekt- oder Team-Chat ein. Wir nutzen dafür Slack. So können Sie sich ganz schnell abstimmen, informieren oder auch – falls nötig – verabreden, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen, aus Arbeitsprozessen herausgerissen zu werden und auf alle Leute zu warten. Lieber viele kurze Nachrichten tippen als wenige lange Termine ertragen.

Slack Chat
In Slack besprechen wir alles in Echtzeit in verschiedenen thematischen Kanälen.

6. Kollaborieren Sie in der Could
Dazu kann man im einfachsten Fall Google Drive nutzen (oder – falls die IT Spaß daran hat – mit OwnCloud seine eigene Dokumentenverwaltung aufbauen). Hier können Sie gemeinsam Konzepte in verschiedenen Dokumentenformen anlegen, diskutieren, weiterarbeiten und verabschieden. Fordern Sie über den Chat dazu auf, das Dokument einzusehen und zack zack ist man einen Schritt weiter ohne großen Zeitverlust.

Google Drive
In unserem Drive liegen alle Dokumente, die wir dort auch gemeinsam weiterentwickeln.

7. Projekte gehören in ein Projektmanagement-Tool
Ehrlich gesagt weiß ich schon gar nicht mehr, wie man Projekte anders managt. Die liegen ebenfalls im Netz und sind schnell für das Haus und für alle Mitarbeiter eingerichtet. Darin können Aufgaben entwickelt, vergeben, kommentiert und irgendwann auch einmal für alle nachvollziehbar abgehakt werden. Und alle wissen Bescheid, was los ist, wen man ansprechen muss und was in dem Projekt passiert. Wir nutzen dafür Asana – für Verlage eignet sich zum Start aber auch Trello wunderbar.

Trello
In Trello lassen sich schnell Aufgaben in Terminen erstellen, beschreiben, zuweisen und abhaken.

8. Ignorieren Sie Spielverderber
Lassen Sie sich einfach nicht mehr mitspielen. Es wird immer veränderungs-resistente Menschen in Ihren Häusern geben – aber die dürfen nicht den Takt angeben. Am Ende vom Tag müssen diese Kollegen die Außenseiter sein, die dann mit offenen Armen wieder integriert werden, wenn sie soweit sind. Aber nur weil einige etwas nicht machen wollen darf man nicht den ganzen Plan der Veränderung verwerfen.

Diese Liste ist sicherlich noch erweiterbar – aber nimmt man sich diese Punkte zunächst einmal zu Herzen ist schon viel gewonnen. Und nur mal so zum Benchmark:

  • Slack hatten wir nach einem Tag adaptiert
  • Asana ging eine gute Woche und wir hatten unser altes Tool abgelöst
  • Die Umstellung auf Google Drive dauerte inklusive Migration der Dateien einen Monat
  • Wir sind gespannt, wer das schneller schafft! Viel Erfolg und einen guten Start in den „Montag nach der Konferenz“…

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