Godwin-Punkte für alle! Eine Beschwerde über die mangelnde Diskussionskultur

2016 wird mir als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem "internationale Härte" in der Debattenkultur eine völlig neue Bedeutung bekam. Plötzlich wurde auf dem Spielfeld Rugby anstatt Fußball gespielt und es wurde anscheinend nur der Hälfte der Mitspieler gesagt. Und so begab es sich, dass ein Teil des Diskurses noch seine Zähne wieder zusammen sammeln musste, während der andere Teil schon laut gröhlend die Eckfahne angesext hat. Wir reden über Argumentationsfouls und kleine Hände.

Ich luge gern aus meiner Filterblase raus, denn so als verkopfter eher so Links-Mitte-Mensch will man ja auch wissen, was die anderen so machen. Dabei fiel mir auf, dass wenn zwei Seiten aufeinander prallen Argumente nur noch oberflächlich auf dem Spielfeld der Diskussion geführt werden. In den meisten Fällen lief es darauf hinaus sein Gegenüber mundtot zu machen – und das ist nicht nur auf das rechte Spektrum beschränkt. Was mich dabei wundert: Warum pfeift der verdammte Schiri nicht ab, sondern steht am Spielfeldrand und versucht das ganze auf YouTube zu laden oder ein GIF draus zu bauen?

Die Diskussionskultur ist lausig, denn oft wird direkt in die Kiste der fiesen Tricks gegriffen: Inzwischen ist alles früher oder später entweder ein argumentum ad hominem oder – mein persönlicher Liebling – die reductio ad Hitlerum. Ich kann mich nicht dran erinnern, ob ich in der Schule irgendwann mit solchen Begriffen konfrontiert wurde. Das einzige an was ich mich erinnern kann sind eine handvoll Vorteil/Nachteil-Aufsätze und einen bei dem vom schwächsten zum stärksten Argument vorgegangen wurde. Was begrenzt hilfreich für unsere schnelllebige digitale Diskussionskultur ist.

Die wunderbare Welt der Fehlschlüsse, oder – wie ich sie gerne nenne – Arschlochargumente lernte ich als Moderator einen Netz-Community kennen und später im Studium, da aber aus der wissenschaftlichen Perspektive. Meine Vermutung ist, dass viele nicht wissen, wenn sie jemand rhetorisch übers Ohr haut und anscheinend hat auch so lange keiner was gesagt, bis sich das Unmögliche als Teil der Debattenkultur etabliert hat. Daher machen wir jetzt einen kleinen Ausflug in die wunderbare Welt der Polemik.

Ad hominem

Mein Widersacher behauptet etwas Nachteiliges über mich. Mein Widersacher ist behindert und damit (impliziert) nicht zurechnungsfähig, daher ist sein Argument abzulehnen. Der beliebteste Ad Hominem in Deutschland dürfte im Augenblick Angela Merkel sein.

Untertypen sind bias ad hominem, ich unterstelle meinem Gegenüber Befangenheit, weil seine Behauptung auf einen persönlichen Eigennutz zurückführe und tu quoque, in dem ich meinem Widersacher unterstelle, dass er X doch auch tut und somit X nicht ablehnen darf. Schokolade essen aber gleichzeitig von Schokolade abraten zum Beispiel. Gemacht sind diese Argumente, um von der eigentlichen Streitfrage abzulenken und die Diskussionen auf die persönlichen Eigenschaften des Widersachers zu lenken.

Was Donald Trump hier auch wunderbar gelungen ist, kein Schwein hat mehr danach gefragt, was der Reporter denn jetzt herausgefunden hat.

Argumentum ad populum

Das Stichwort hier ist die schweigende Mehrheit. Denn wenn sie schweigt, wie kann man dann wissen, was sie will? In diesem Zusammenhang kommt es auch zu den interessantesten kognitiven Entgleisungen im Bereich der guten alten Falschmeldungen, die jetzt neu und sexy „Alternative Facts“ heißen. Es kursierten an mehreren Orten Falschmeldungen, dass Flüchtlinge Pferde geklaut, geschächtet und gefrühstückt hätten. Einer der Falschmelder wurde recherchiert, lies aber kein Unrechtsbewusstsein erkennen, denn schließlich hat er nur der Wahrheit vorgegriffen, da diese sich bisher noch nicht bequemt hat sich einzustellen. Ernsthaft.

Strohmann-Argument

Ich baue mir ein fiktives Argument, eine Person oder Personengruppe auf, die ich so verzerre, dass es mir leicht fällt das Argument zu widerlegen. Ein deutsche Entsprechung dazu wären die Wirtschaftsflüchtlinge, oder weniger nett, die Fickificki-Fachkraft.

Argumentum ad ambiguum

Klingt steil, ist aber nur die gute alte Doppeldeutigkeit und das kann der Bill. Denn so rein prinzipiell hat es gestimmt, so rein umgangssprachlich und juristisch leider nicht.

“Now, I have to go back to work on my State of the Union speech. And I worked on it until pretty late last night. But I want to say one thing to the American people. I want you to listen to me. I’m going to say this again. I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinsky. I never told anybody to lie, not a single time; never. These allegations are false. And I need to go back to work for the American people. Thank you.”

Argumentum ad lapidem

Das Argument wird als lächerlich oder absurd bezeichnet, ohne dass bewiesen wird, dass es das ist. Besonders beliebt, wenn es um komplexe Sachverhalte geht, die so leicht abgetan werden können und der argumentführenden Seite mit wenig Aufwand die Widerlegung des Lächerlichkeitsvorwurfs aufs Auge drücken.

Argumentum ad metum, invidam, odium

Das klassische Dreigestirn aus Angst, Hass und Neid.

  • Du brauchst eine Waffe, hast du denn keine Angst, um deine Familie?
  • Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!
  • Kollege Müller kriegt für die gleiche Arbeit mehr Geld als ich!

Argumentum a fortiori

Ich bin ein erfolgreicher Geschäftsmann, also werde ich auch in anderen Belangen erfolgreich sein. Das Argument versucht glauben zu machen, dass Erfolg mit Wahrheit einhergeht. Eine Ansicht, die vor allem in den USA ihre Wurzeln in der calvinistischen Arbeitsethik hat, in der Erfolg ein vorbestimmtes Zeichen von Gottes Gnade ist und man deshalb sich bitte schön zeitig darum kümmern sollte, wegen dem etwas schrägen Vorbestimmungskonzept, das ich als Katholik eh nur schwer in meinen Schädel kriege.

Argumentum ad antiquitatem

Der Klassiker, der jedem von euch begegnet sein dürfte. „Das haben wir schon immer so gemacht!“ alternativ „Früher war alles besser!“. Douglas Adams hat das dankenswerter Weise für uns schon in eine einfache, nachvollziehbare Regel gegossen:

“I’ve come up with a set of rules that describe our reactions to technologies:

  • 1. Anything that is in the world when you’re born is normal and ordinary and is just a natural part of the way the world works.
  • 2. Anything that’s invented between when you’re fifteen and thirty-five is new and exciting and revolutionary and you can probably get a career in it.
  • 3. Anything invented after you’re thirty-five is against the natural order of things.”

Reductio ad hitlerum

Wenn ihr ganz schnell eine Diskussion beenden wollt, dann ist der Hitlervergleich eure schärfst Waffe: Du magst Brot? Hitler mochte auch Brot! Du bist also wie Hitler! Du magst Tierschutz, Hitler mochte auch Tierschutz und so weiter und so fort. Das kommt so häufig for, dass Mike Godwin das als Gesetztmäßigkeit formuliert hat: „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“ Wenn dieser Punkt erreicht ist, dürfte ihr demjenigen, der den Hitlervergleich gebracht hat einen Godwin-Punkt verleihen.

Zum Ausdrucken und Verteilen!
Ein Godwinpunkt verhält sich dabei ähnlich wie das Strafregister in Flensburg, es ist OK einen Punkt zu haben, ab zehn sollte man sich Gedanken über das eigene Diskussionsgebaren machen.

Das bringt uns nach unserem kurzen Ausflug in die wunderbare Welt der Arschloch-Argumente zurück zur eigentlichen Frage: Es gibt die Blauhelme, die sich für die Wahrung des Friedens einsetzen, warum gibt es nichts, was das gleiche für die öffentliche Diskussion tut. Denn das macht es einfach mit sowas durchzukommen:

Kurze Auflösung, es wurde am Tag nach dem Anschlag auch in Schwarz-Rot-Gold angestrahlt.

Doch dadurch, dass wir uns an solche Berge von Argumentationsfouls gewöhnt haben, lassen wir sie schulterzuckend durchgehen. Zum Nachteil derer, die nicht erkennen, dass so eine Aussage schlicht und ergreifend ein Schlag ins Gesicht ist. Denn auch die intendierten Adressaten dieser notdürftigen Provokation sollten sich verarscht vorkommen.

Die Lösung? Es könnte schlicht und ergreifend sein, Leute auf unsaubere Argumentation festzunageln und zwar wieder und wieder und wieder und wieder. Arschlochargumente finden sich auf allen Seiten des Spektrums, das macht sie so effektiv und verführerisch die eine Seite kann der anderen mit der reductio ad Hitlerum aufs Maul geben und die schießen mit der reductio ad Stalinum zurück.

Das führt dazu, dass die Berichterstattung „XY hat das, dann gesagt“ nicht mehr reicht. Inzwischen brauchen wir „XY hat das gesagt und diese Argumente dafür verwendet, davon ist eines belegt, zwei davon sind rhetorische Mittel, die eine bestimmte Reaktion bei euch hervorrufen soll.“ Denn das tückische an diesen Argumenten ist, dass sie leicht zu führen aber schwer zu bekämpfen sind, wenn man nicht erkennt, dass die andere Seite gerade die Spielregeln geändert hat. Denn da liegt auch der Kern des Problems: Wenn sie damit durchkommen, mit was werden sie es als nächstes versuchen?

Your market and your obligation are identical: To identify the lies and refute them twice as often as they are told

Also, mehr Arschlochargumente weggrätschen, es wird uns allen gut tun.

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