Drei Personas für Aschenbrödel

Anna hat mal aus Scheiß gesagt „Schreib doch was zu den Stimmen in deinem Kopf und wie die sich unterhalten.“ Das war ein bisschen fahrlässig von Anna, denn jetzt kriegt ihr einen Text zu den Stimmen in meinem Kopf, in euren Köpfen und in denen von Aschenbrödel um die Ohren gehauen. Bevor wir loslegen, alle zusammen: DANKE ANNA!

Um die wichtigste Frage direkt zu beantworten: Habe ich Stimmen in meinem Kopf? Na klar! Bevor ihr jetzt denkt „Klar hört der Bekloppte Stimmen in seinem Kopf, wer als erwachsener Mann mit Nerf Guns rumspielt und freiwillig Swiss Army Man kuckt, der hat nicht alle Murmeln beieinander.“ Die schlechte Nachricht: Ihr auch. Die gute: Das ist ziemlich nützlich, solange ihr euch nicht mit den Stimmen in eurem Kopf lauthals in der Öffentlichkeit streitet. Um das mal grob einzugrenzen: Solange ihr die Stimmen in eurem Kopf nicht als eine eigenständige Person, sondern nur als Persona war nehmt, sollte eure geistige Gesundheit weitgehend gewahrt sein. Für den Rest des Beitrages werden diese tiefenpsychologischen Gewässer weitgehend umschifft, denn da bin ich einfach Süßwassermatrose. Aber solltet ihr Ahnung haben und mich aufklären wollen, immer her damit, ich steht auf so geisteswissenschaftlichen Schweinkram!

Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht…

Solltet ihr aus fadenscheinigen Gründen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ nicht gesehen haben und somit kein vollwertiger Teil der deutschen Wertegemeinschaft sein: Macht den Beitrag zu und geht entweder auf Netflix oder in die Mediathek der Öffentlich-Rechtlichen! Zack zack! Für den gebildeten und kultivierten Rest geht es jetzt in medias res: In dem zeitlosen Weihnachtsklassiker übernimmt Aschenbrödel zwei Rollen, die nichts mit ihrem Alltag als ausgebeutete Magd zu tun haben: Als Jäger, der den Prinzen bei einem waidmännischen Kräftemessen besiegt und sich so dessen Anerkennung verdient. Die nächste Begegnung ist bei einem Ball am Hof des Prinzen, wo sie als mysteriöse Dame aus der gehobenen Gesellschaft dem Prinzen ordentlich den Kopf verdreht.

Personas: Wie Fasching, nur eben wann ihr wollt und nicht wenn Männer mittleren Alters mit lustigen Hüten sagen „Spaßbefehl!“

Ich denke keiner von euch ist bisher davon ausgegangen, dass das arme Mädchen psychologische Probleme hat und eine ihrer Persönlichkeiten für ein paar Stunden das Steuer übernimmt. Was Aschenbrödel tut, und ihr übrigens auch, ist eine Persona zu verwenden: Der Jägersmann, der den Swag aufdreht und die unnahbare Schöne in Papas Club, die den Sohnemann erst mal durch ein paar Reifen hopsen lässt. Ich bin mir sicher, dass jeder von euch zumindest einen Lehrer oder einen Verwandten imitieren kann, ohne Gefahr zu laufen im Onkel-Herbert-Modus hängen zu bleiben.

Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht…

Die Fähigkeit und auch das Privileg verschiedene Personas auszuprägen und auch auszuprobieren ist in einem Marktumfeld mit immer genauer umrissenen Zielgruppen eine entscheidende Fähigkeit: Wer sich in seine Zielgruppe hineinversetzen kann und gleichzeitig über ausreichende Werkzeuge verfügt, um seine Kommunikation auszuwerten, wird ein besseres Marketing machen, als jemand, der sich mühselig über eine lange Reihe von A/B-Test zum Erfolg durchkämpfen muss. Dazu braucht ihr Empathie, Beobachtungsgabe und den Willen euch auf etwas Neues oder Anderes einzulassen, denn wenn ihr etwas über die Sorgen und Nöte von Mathelehrern erfahren wollt, dann hilft es euch nur bedingt weiter die nöligen Pressemitteilungen des deutschen Lehrerverbands zu lesen. Ihr müsst schon mit ihnen reden, um so aus der Summe der Interaktionen die Persona eines Mathelehrers auszubilden.

Schon mal Feuerwehrmann oder Astronaut gespielt? Das zählt auch!

Der Einwand „Also, Ich kann das bestimmt nicht!“ ist Quatsch, denn jeder von euch hat mit Sicherheit schon unbewusst eine Begrüßungsformel oder ein Verhalten von jemandem aus eurem sozialen Kreis übernommen. Ich hab mir beispielsweise während meines Studentenjobs angewöhnt statt „Danke!“ „Bedankt!“ zu sagen und bin es dann auch nie wieder los geworden. Jeder von euch eignet sich mehr oder minder automatisch Personas oder Teilpersonas an und wenn es nur die Verkleidung als Graf Dracula an Fasching ist – Ich gehe jetzt mal davon aus, dass keiner von euch ein untoter Adeliger aus den Karpaten ist, der sich den Rest des Jahre als normaler Sterblicher verkleidet – falls doch, Chapeau! Und bitte nicht aussagen!

Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht…

Interessanterweise wird der Raum mit Personas zu experimentieren immer kleiner: Soziale Netzwerke wollen möglichst klar identifizierte Nutzer und das macht es zum Beispiel ganz schön schwierig für all die Männer mittleren Alters sich auf Datingportalen als junge, dynamische Unternehmer mit einem Porsche und einem schwarzen Gürtel in Karate auszugeben.

Das scheint jetzt nicht der schlechteste Deal zu sein, doch dummerweise nimmt es auch Jugendlichen immer mehr Raum verschiedene Personakonstrukte in einem weitgehend neutralen Raum auszuprobieren. Was bereits Opfer gefordert hat, da die Verknüpfung, Dank Facebook, eben nicht wie bei einer nickname-basierten Community wieder rückgängig gemacht werden konnte und die Person wieder unbehelligt in der Anonymität des Netzes verschwinden konnte.

King for a day oder eben…Garnelenzüchter

Soziale Netzwerke fordern und fördern ein möglichst gleichbleibendes Verhalten der einzelnen Akteure und radikale Abweichungen werden durch das soziale Gefüge oft unerbittlich geahndet. Dadurch bilden wir alle einen inneren Zensor aus, der uns zwar vor einigen Dummheiten bewahrt, wie zum Beispiel die Bilder von diesem wüsten Saufgelage auf Facebook zu packen und dann am Freitag mit schlecht gespielter Erkältungsstimme bei der Arbeit anzurufen. Gleichzeitig behindert er aber auch, dass wir eine Persona ausprobieren, weil wir dabei immer ein bisschen Gefahr laufen uns zum Deppen zu machen. Ich für meinen Teil bin dankbar für die Gnade der frühen Geburt, die es mir erlaubt hat im Internet ein bisschen rumzuspinnen, das Gelernte mitzunehmen und die Persona dann einfach risikofrei abzulegen.

Auch wenn es heute kniffliger ist mal eine andere Rolle anzunehmen, kann ich euch nur empfehlen, es trotzdem zu versuchen und sei es nur, dass ihr mal eine halbe Stunde im Garnelenzüchterforum rumhängt. Denn nur Filterbubble ist auf Dauer auch nicht gut fürs Gehirn, nech.

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