Die Entwicklung des digitalen Nachrichtenmarkts

Es gibt viele Ideen, Gedanken und Gerüchte darüber, wie Menschen im Internet Nachrichten konsumieren und was für Menschen das überhaupt sind. Leider haben wenige dieser Aussagen einen wissenschaftlichen oder auch nur strukturierten Hintergrund, sondern orientieren sich an subjektiver Wahrnehmung oder eben dem eigenen Digitalverhalten. Schön, dass es Birgit van Eimeren und Wolfgang Koch auf Basis der ARD/ZDF-Onlinestudie 2015 einmal versuchen.

Der digitale Nachrichtenmarkt wächst

Die erste Frage, die man klären kann ist das Marktpotential. Werden Nachrichten im Internet relevanter oder verlieren sie das Interesse der geneigten Nutzer? Und hier kann man klar Aussagen: 25% der Deutschen kann man maximal täglich mit Nachrichten im Internet erreichen – ein Plus von 5% über dem Vorjahr. Zählt man noch diese hinzu, die mehrmals pro Woche online “nach dem Rechten” schauen ist man bereits bei 38% (+4%) und mit den wöchentlichen News-Checkern bei 43% (+5%). Alles in allem ist der Nachrichtenmarkt im Internet also ein Wachstumsmarkt (auch wenn das Geschäftsmodell weiterhin weitestgehend unklar bleibt).

Nutzung Massenmedien
Aktueller Status der Nutzung von Massenmedien für den Nachrichtenkonsum

Besonders erfreulich ist hierbei die Entwicklung der Nachfrage von Nachrichten auf Webseiten von Tageszeitungen in der wichtigen Altersgruppe 30-49, die von 17% auf 23% steigt in der wöchentlichen Nutzung.

Überraschend dabei ist, dass das durchschnittliche Alter der Nachrichtenkonsumenten im Internet bei 42 Jahren liegt (Zielgruppe 14+) und bei einer Betrachtung der 14-49-jährigen bei 33. Es ist also auffällig, dass die Relevanz von Tages- und Zeitgeschehen durchaus mit dem Alter korreliert – das Nachfrage-Verhalten online allerdings ein ganz anderes ist.

Aber – verblüffend für jemanden mit meinem Lebens- und Informationswandel – 21% der Deutschen schaffen laut der Studie die totale Nachrichten-Abstinenz im Internet (während ein weiteres fünftel der Deutschen einfach “offlint” – sich also schön aus dem Internet komplett heraushält. Allerdings mit fallender Tendenz – 2014 waren dies noch 28%. Wobei man sich schon fragt, wie man Nachrichten Online überhaupt entgehen kann.

Frequenz Nachrichtennutzung
Häufigkeit der Nachrichtennutzung im Internet

Die Intensität der Nachfrage steigt – digital & crossmedial

Aber neben der absoluten Anzahl der Online-Nachrichtennutzer hat sich auch deren Nutzungsverhalten intensiviert. Und zwar durch alle Altersgruppen und dabei am meisten bei den älteren Semestern. So erhöhte sich die Nutzungsintensität der 50-69 Jährigen gleich um 8% auf 27% in dieser Altersgruppe mit täglichem Online-Nachrichtenkonsum.

Dieses Wachstum der Zielgruppe und die Intensivierung des Nachrichtenkonsums führen die Autoren auf zwei zentrale Faktoren zurück:

  • Die Durchdringung des Markts vor allem mit mobilen Endgeräten
  • Die extrem lebendige Nachrichtenlage und die Fähigkeit der Medien, diese weltweit und lokal zu erschließen
  • Dabei werden die digitalen Nachrichten bei 91% der Befragten additiv und nicht substituiv zu klassischen Medienkanälen verwendet. Es handelt sich also generell um Nachrichten-Affine mit Interesse am Zeitgeschehen und nicht um Zeitungs- oder Newsportal-Leser. Festzustellen ist aber eine digitale Präferenz einhergehend mit fallendem Alter. Bei der Befragten bis 29 Jahren sind es nur noch 81%, die neben den digitalen Medien andere Nachrichtenkanäle konsumieren.

    Wachstum nur durch Kannibalisierung

    Wichtig hier im Hinterkopf zu haben ist sicherlich, dass sich auf der anderen Seite der Gesamt-Medienkonsum – ebenfalls laut der Mediaperspektiven Langzeitstudie – nicht mehr positiv entwickelt, sondern in der Summe stagniert. Das Wachstum kommt also zunehmend von der Kannibalisierung der klassischen Medienkanäle zugunsten des Internets. Die Konvergenz zieht aus allen anderen medialen Bereichen Zeit ab und bündelt sie digital, wo sie aufgrund der großen Angebotsvielfalt extrem fragmentiert.

    Tägliche Mediennutzung
    Verteilung der täglichen Mediennutzungszeit

    Die Nutzungsmuster fragmentieren zunehmend

    Die Nutzungsdauer der Online-Nachrichten fällt mit 22 Minuten täglicher Nachrichtennutzung identisch aus mit der täglichen Nutzung der Tageszeitung(en) im Haushalt – wobei die Altersgruppe von 14-29 sogar 35 Minuten täglich mit aktuellen Themen verbringt – während sich ab 50-Jährige lediglich neun Minuten am Tag mit Nachrichten im Internet beschäftigen. Nun ist es aber natürlich so, dass der digitale Nachrichtenkonsum mannigfaltiger ist als der klassische und die Nachrichten-Eichhörnchen von Plattform zu Plattform springen, um sich umfassend zu versorgen. So teilen sich die Zeiten dort auf deutlich mehr Marken auf als in der “echten” Welt.

    Grund für diesen Anstieg in der Nutzung ist mit Sicherheit die Omnipräsenz von Nachrichten im Internet, die immer weiter weg von den eigenen Plattformen auch in die sozialen Medien, in die E-Mail-Postfächer, geschlossene Messenger-Gruppen oder per Push-Notification auf die Lock-Screens der Smartphones diffundieren. Daneben bewerten die Befragten auch immer mehr Angebote als “Nachrichten” wie z.B. Inhalte von Huffington Post oder Buzzfeed, die eingefleischte Journalisten sicher nicht als solche bezeichnen würden.

    WhatsApp & Co werden auch Nachrichten-Boten

    Vor allem die Messenger spielen in den jungen Zielgruppen eine wichtige Rolle und versorgen bereits 31% der 14-29-jährigen Online-Nachrichtenkonsumenten mit Informationen – 13% sind es über alle Altersgruppen hinweg. Spannend hierbei ist, dass diese Entwicklung in die geschlossenen Gruppen der Messenger zulasten der Nachrichtennutzung in den social Streams ging. In der angesprochenen jungen Zielgruppe sank hier die Nutzung von 35% auf 22% innerhalb eines Jahres.

    Endgeräte und Plattformen
    Nutzung von Endgeräten und Plattformen für den Nachrichtenkonsum

    Good news for old media

    Bekannte Medienmarken haben es im Netz deutlich einfacher laut der Studie. 29% der Gesamtbevölkerung und 37% der surfenden Gesellschaft besuchen mindestens einmal wöchentlich eine Seite eines bekannten Nachrichtenmediums. 28% der Onliner sind dabei wöchentlich auf den Seiten der Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine. 24% besuchen die Seiten der TV- und Radiosender.

    Fazit

    In der Gesamtbetrachtung kann man also sagen, dass das Internet kein schlechter Markt ist für aktuelle Nachrichtenmedien. Er wächst und gedeiht was die Nutzer und deren Nutzungsintensität angeht. Man hat scheinbar etwas an der Hand, das relevant ist. Allerdings ist das Nutzungsverhalten extrem fragmentiert und es gibt nur wenige gemeinsame Nenner der Personen und ihrer Mediennutzung. Immer individueller werden die Bedürfnisse, Erwartungen und Ansprüche, die häufig von größeren, globalen Playern gesetzt und dann auf lokale/regionale Angebote projiziert werden.

    Doch selbst wenn das geschafft wird bleibt ihm letzten Schritt die Frage nach dem Geschäftsmodell. Bei geringen und weiter fallenden TKPs im Display-Web und der vor allem regional stark begrenzten zahlungsbereiten Zielgruppe ist die ertragsreiche Refinanzierung in einem wettbewerbsstarken Markt eine große Herausforderungen, die bisher noch nicht wirklich befriedigend für die Unternehmen gelöst wurde.

    Wie dieser Wachstumsmarkt “Nachrichten im Internet” also erfolgreich wirtschaftlich erschlossen wird von denen, die die Nachrichten verfügbar machen, bleibt spannend. Unsere Gedanken zum Thema Paid Content kann man hier nachlesen.

    Die Original-Studie und den Artikel dazu findet man hier bei den Media Perspektiven.

    Alle Beiträge von André

    Unsere meistgelesenen Beiträge

    Zwei Jahre Chromebook: Ein Erfahrungsbericht

    Google Chromebook
    |
    Gute 25 Jahre PC-Nutzung - von Anfang an mit Windows. Dann raucht im wahrsten Sinne des Wortes mein teures und gar nicht so altes Lenovo-Notebook ab. Und ich bestelle mir einfach ein Chromebook und bin schneller weg aus der Windows-Welt, als ich es für möglich gehalten hätte. Zwei Jahre ist das nun her - und ich habe zwischendurch immer wieder über meine Erfahrungen mit dem Chromebook berichtet.