BILDplus gestartet – netzstrategischer Schnell-Check des Paid Content-Modells

"Vorhang auf" für das nächste Paid-Content-Angebot in der deutschen Verlagswelt? Nicht so, wenn die BILD seinen Hoffungsträger "BILDplus" präsentiert: Da darf es dann schon ein bisschen mehr sein - und so reißt die Hand eines ausserirdischen Wesens (oder ist es doch ein Dinosaurier?) den roten Vorhang zur Seite und lässt uns in die Zukunft blicken:

BILDplus-start-e1370955603612

„Willkommen in der Zukunft!“

Wir haben die neue BILD-Paywall einem ersten Test unterzogen und stellen fest:

Integration in die Website
Opulent (und damit Zielgruppen-gerecht) kommt die Paywall daher. Vorbei sind offenbar die Zeiten, in denen man nicht wirklich an Paid Content gelaubt und alles was damit zu tun hatte eher verschämt versteckt hat.
Das Logo wechselt laufend zwischen dem bekannten BILD.de und dem neuen BILDplus. Schon auf der Startseite sind exklusive Inhalte ganz klar gekennzeichnet:
BILDplus-start-kennzeichnung

Quereinsteiger erhalten auch auf Artikelseiten gleich einen deutlichen Hinweis auf die Paywall:
BILDplus-artikel-kennzeichnung-e1370956167160

Zahlende Nutzer werden ebenfalls darauf hingewiesen (wenn natürlich auch deutlich dezenter), dass sie einen eigentlich exklusiven Inhalt abrufen:
BILDplus-abo-kennzeichnung

Angebote
Drei verschiedene Abo-Modelle stehen dem Nutzer zum Start zur Verfügung – allesamt im ersten Monat für 99 Cent zu haben.
Im kleinen Paket gibt es alle digitalen BILDplus-Inhalte auf allen digitalen Geräten, das mittlere Angebote erlaubt zudem den Zugriff auf die digitale Ausgabe der BILD und der BamS. Im großen Paket kommt noch ein Kiosk-Abo dazu.
BILDplus-angebote

Pricing
Der einheitliche Einstiegspreis für alle drei Pakete soll die Nutzer dazu verleiten, gleich zum großen Paket zu greifen. Allerdings differenziert sich dieses nur durch den Print-Kanal und nicht durch Inhalte, Funktionen oder Leistungen. Wer also kein Print braucht oder möchte, kann getrost das mittlere Paket wählen. Die Preisspanne bewegt sich zwischen 4,99 Euro für das Digitalpaket bis hin zu 14,99 Euro für das Gesamtpaket. Unserer Meinung nach ist hier eine Chance vertan: Ist Print wirklich das Zugpferd?

Nutzerführung
Wie so oft ist bis zum Kauf alles perfekt gemacht – die Screens sind klar strukturiert und leicht verständlich. Aber schon mit Abschluss der Bestellung (in unserem Fall mit der Bezahlung per Paypal) hat die Liebe für’s Detail offenbar deutlich nachgelassen: Wir landen einfach auf der Startseite anstatt eine ordentlich Bestellbestätigung zu erhalten.

Nutzer-Kommunikation
Die Mails die wir erhalten haben sind ebenfalls eher lieblos gehalten, wir hätten uns eine „Tour“ gewünscht die uns nach dem Kauf nochmal zeigt, was genau wir da gekauft haben und wie es optimal zu bedienen ist. Leider Fehlanzeige. Wir landen ohne jeden Hinweis plötzlich auf der Startseite und bekommen eine Mail:
BILDplus-mail

Aus der Mail gelangen wir also in ein PDF, das wiederum verlinkt auf verschiedene Website mit Hilfe-Inhalten. Eine Tour die uns nach dem Kauf „die Zukunft“ entdecken lässt fehlt, das ist reichtlich kompliziert und umständlich.

Konto-Verwaltung
Aus dem Chaos bei der Schwester WELT hat man offenbar gelernt. Wir konnten unser Abo problemlos mit einigen Klicks online auch wieder abmelden. Keine Hotline – Danke!
Allerdings hätten wir gerne ein Upgrade vom kleinen Paket auf das Mittlere gemacht, um auch die digitalen Ausgaben der Print-BILD zu testen – leider ohne Erfolg.
Kündigen ja, upgraden nein – da ist noch Potential!

Print-Werbung für das Angebot
Auch in Print wirbt die BILD natürlich ordentlich für das Produkt. Zum einen gibt es einen für die BILD recht dezenten Einklinker auf Seite 1 – und dann auf Seite 7 ein ganzes Konzert aus verkaufsfördernden Maßnahmen wie emotionalen Bildern, erklärenden Texten und Testimonials von Sylvie van der Vaart und Michelle Hunziker.

IMG_3431-225x300
IMG_3432-225x300

Was uns besonders verblüffte war aber die Streifen-Anzeige, die gestern auch im Handelsblatt erschienen ist. Abseits der eigenen Medien und außerhalb des eigenen Leser-Kreises zu werben ist wichtig und richtig. Nur ob jetzt das Handelsblatt das richtige Umfeld bietet – das muss die BILD für sich selbst entscheiden.

IMG_3429-225x300

Unser erstes Fazit
Endlich ist mal jemand mutig und kommuniziert die Paywall selbstbewusst und offensiv!
Wir wünschen der BILD viel Erfolg mit diesem Modell und sind uns sicher, dass die Schwächen nach und nach ausgemerzt werden. Trotzdem hätten wir dazu geraten, mehr Wert auf die Führung und Bindung der Nutzer zu legen – denn das Problem einer Paywall ist:
Zum Start bekommt sie immer die größte Aufmerksamkeit, insbesondere von den treuen Nutzern. Wer also jetzt schon enttäuscht wird oder einfach nicht ohne Weiteres mit „der Zukunft“ zurecht kommt, könnte schnelle die Lust verlieren. Auch für die Zukunft nach der Zukunft.
Zudem hätten wir uns mehr echte Produkte und neue Leistungen gewünscht. Die Angebote werden rein über ihre Kanäle definiert und nicht über Inhalte, Mehrwerte, Leistungen oder Privilegien. Hier würde mehr Innovation vielleicht auch mehr Zahlungsbereitschaft bedeuten – Kreativität ist gefragt!

+++Update+++
Wir haben in unserer kurzen Analyse bewusst nur die Paywall und nicht die Inhalte dahinter angesehen.
Ob die Nutzer bereit sind für BILD-Content zu zahlen wird sich zeigen und steht auf einem anderen Blatt.

Alle Beiträge von Stephan

Unsere meistgelesenen Beiträge

Zwei Jahre Chromebook: Ein Erfahrungsbericht

Google Chromebook
|
Gute 25 Jahre PC-Nutzung - von Anfang an mit Windows. Dann raucht im wahrsten Sinne des Wortes mein teures und gar nicht so altes Lenovo-Notebook ab. Und ich bestelle mir einfach ein Chromebook und bin schneller weg aus der Windows-Welt, als ich es für möglich gehalten hätte. Zwei Jahre ist das nun her - und ich habe zwischendurch immer wieder über meine Erfahrungen mit dem Chromebook berichtet.